Zusammenhang zwischen Astra­Zeneca-Impfstoff und Thrombo­zytopenie erklärt, aber Kausalität nicht be

Deutsches Ärzteblatt vom Dienstag, 30. März 2021

In einer Preprint-Veröffentlichung postuliert das Wissenschaftlerteam um Andreas Greinacher aus Deutschland, Österreich und Kanada nun einen Zusammenhang zwischen einer so genannten „vaccine induced immune thrombocytopenia“ (VIPIT) und dem Impfstoff AZD1222 von AstraZeneca. Die Publikation erläutert der Fachwelt diejenigen Hypothesen, die Greinacher bereits in der Pressekonferenz vom 19. März 2021 skizziert hatte.

Nach einer AZD1222-Impfung kam es bei den Betroffenen durch Autoimmun-Antikörper, die sich vor allem gegen den Plättchenfaktor 4 der Thrombozyten richtet, über eine Aktivierung an deren Fc-Rezeptor zu einer Thrombozytenaggregation. Diese Verklumpung geht mit einer Thrombozytopenie einher. Das Pathogeschehen ähnelt stark der am Institut für Immunologie und Transfusionsmedizin der Universität Greifswald unter Greinacher maßgeblich erforschten Heparin-induzierten Thrombozytopenie (HIT), die in diesem Fall jedoch nicht auf Heparin zurückzuführen ist. Angestoßen wurden die Untersuchungen von den Sinusvenenthrombosen, die besonders bei Frauen im jüngeren und mittleren Alter aufgefallen waren. Gleichwohl ist die Inzidenz dieser Thrombosen nicht genau bekannt, so dass offen ist, ob von einer echten Häufung zwingend ausgegangen werden kann.

Gleichwohl ist jetzt von einer „Induktion“ durch den Impfstoff die Rede, mithin lässt allein der Begriff an ein durch den Impfstoff ausgelöstes Geschehen denken. Gesichert ist dies freilich noch nicht. Zum einen handelt es sich um eine Preprint-Veröffentlichung, die noch nicht von anderen Thromboseforschern geprüft worden ist. Zum anderen geht aus der Publikation nicht hervor, ob die inkriminierten Antikörper bereits vor der Impfung vorlagen, durch diese hervorgerufen worden sind oder anderen Ursprungs sind.

Die Resultate beruhen auf insgesamt neun Pateinten mit Thrombozytopenie nach Impfung, von den vier im Plättchenfaktor 4/Heparin ELISA reagierten. Zusätzlich zeigte einer der Betroffenen auch eine Reaktion im so genannten HIPA-Test, also wie Heparin, denn dieser Test weist eigentlich eine Heparin-induzierte Plättchenaggregation nach.

Der Direktor des Instituts für Experimentelle Hämatologie und Transfusionsmedizin (IHT) am Universitätsklinikum Bonn, Johannes Oldenburg, erläutert gegenüber dem Science Media Center im Detail, dass die Reaktionen in dem ELISA-Test entweder durch Zugabe von Plättchenfaktor 4 oder dem AstraZeneca-Vakzin AZD1222 verstärkt werden konnten.AZD1222: PEI lässt Rote-Hand-Brief zu Astrazeneca-Impfstoff veröffentlichen

Einige Fragen seien jedoch noch ungeklärt, etwa, warum es zu einer Kreuzreaktion mit Heparin im HIPA-Test komme, aber offensichtlich nicht alle PF4/Heparin-Tests gleichermaßen positiv reagierten. Es scheine, als wären die Autoimmun-Antikörper nur mit bestimmten PF4/Heparin-Tests nachzuweisen. Oldenburg hält daher fest: „Der Name VIPIT beschreibt das klinische Phänomen, aber nicht den Pathomechanismus. Der Pathomechanismus ist weiterhin unbekannt.“ Er widerspricht damit der ebenfalls vom Science Media Center um Kommentierung gebetenen Alice Assinger, der wissenschaftlichen Leiterin am Institut für Gefäßbiologie und Thromboseforschung der Universität Wien, die feststellt: „„In beeindruckender Weise gelang es den Kollegen in Greifswald, durch exzellent koordinierte Zusammenarbeit mit anderen Zentren in wenigen Tagen den zugrundeliegenden Mechanismus der Sinusthrombosen aufzuklären.“

Auch Bernd Salzberger, der Bereichsleiter Infektiologie am Universitätsklinikum Regensburg äußert sich gegenüber dem SMC eher skeptisch: „Die Grundlage für diesen Prozess ist noch nicht klar, insbesondere ist unklar, gegen welches Antigen diese Antikörper gebildet werden oder ob es hierfür weitere Risikofaktoren gibt, zum Beispiel genetische oder hormonelle.“Es können Bestandteile des Adenovirus-Vektors auch solche der Formulierung des Impfstoffs sein. Auch das nach Impfung gebildete Spike-Protein selbst steht unter Verdacht – dann sollte ähnliche VIPIT auch bei anderen Impfstoffen und nicht zuletzt bei der COVID 19-Erkrankung selber zu sehen sein. Hinweise, dass diese Komplikation gehäuft bei einem der anderen zugelassenen Impfstoffe auftrete, wurden bisher nicht gemeldet.

Allerdings könnte das auch daran liegen, dass bislang unverhältnismäßig viele, auch weniger gravierende, für den AstraZeneca Impfstoff gemeldet worden sind. Das Paul-Ehrlich-Institut sprach in seinem Sicherheitsbericht von einem „Noceboeffekt“.

Was aus der Publikation folgt, ist ebenfalls offen. Die Autoren der aktuellen Publikation leiten ihre Empfehlung, den Patienten hochdosiert IgG intravenös zu verabreichen, damit der Fc-Rezeptor blockiert nicht für das Andocken der Autoimmun-Antikörper zur Verfügung steht, daraus ab, dass in ihrem Versuchen die Inkubation mit IgG-Antikörpern zu einer Hemmung der Reaktion führte. Zudem empfehlen sie die Gabe direkt wirksamen oralen Antikoagulanzien (DOAk), um Heparin zu vermeiden. Einige Kliniken haben nun die Impfungen mit AZD1222 (erneut) vorsorglich gestoppt. Ob nun eher nur Männer damit geimpft werden sollten – da die meisten Opfer der seltenen Sinusvenenthrombosen Frauen waren – oder ältere Menschen, ist ebenfalls offen. Am Abend entschied die Ständige Impfkommission, den Corona-Impfstoff von Astreazeneca nur noch für Menschen ab 60 Jahren. © mls/aerzteblatt.de



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