Wo SARS-CoV-2 über längere Distanzen übertragen wird

Deutsches Ärzteblatt vom Freitag, 1.7.2022


In geschlossenen Räumen kann SARS-CoV-2 auch über längere Distanzen übertragen werden, wobei der Verzicht auf Masken, eine schlechte Belüftung sowie Aktivitäten mit erhöhter Aerosol-Freisetzung das Risiko steigern.

Zu diesem Ergebnis kommt die „UK Health Security Agency“ (UKHSA) in einer Übersicht zu 18 Ausbrüchen, die seit Beginn der Pandemie näher untersucht wurden. Eine körperliche Distanz von 2 Metern allein reicht nach Ansicht der Epidemiologen im britischen Ärzteblatt (BMJ 2022; DOI: 10.1136/bmj-2021-068743) nicht aus, um sich zu schützen.

Zu Beginn der Epidemie waren Menschen auch in Quarantänehotels nicht sicher vor einer Ansteckung. In Neuseeland ist es zweimal zu Ausbrüchen gekommen. Das eine Mal hatten sich Reisende aus dem gleichen Flugzeug zur Quarantäne seit 10 Tagen im selben Hotel aufgehalten, als die 1. Person erkrankte. 2 Tage später kam es zu weiteren Infektionen unter den Quarantänegästen, obwohl das Personal geimpft war und Masken trug.

Die Übertragungswege konnten bis heute nicht geklärt werden. Bei dem 2. Ausbruch, ebenfalls in einem Quarantänehotel in Neuseeland, könnte es nach der Auswertung von Videoaufnahmen ausgereicht haben, dass die Türen von 2 Zimmern über kürzere Zeit gleichzeitig zum Gang hin geöffnet waren.

Die Analyse von 2 Ausbrüchen, zu denen es in China in Restaurants kam, zeigte, dass die Viren Distanzen in einem Fall von 1,4 bis 4,6 Metern und im anderen Fall von 4,8 bis 6,5 Metern überwanden, wobei sich die Personen im 2. Fall nur 5 und 21 Minuten im gleichen Raum aufgehalten hatten. Masken waren hier nicht getragen worden.

Der Verzicht auf die Mund-Nasen-Bedeckung dürfte auch dazu beigetragen haben, dass es in China Anfang 2020 in einem Reisebus zu 23 Infektionen kam. In dem 2. Bus der Reisegruppe infizierte sich kein einziger Fahrgast.

Die Epidemiologen ermittelten damals ein um den Faktor 42 erhöhtes Infektionsrisiko für die Mitfahrer im 1. Bus. In einem 2. Ausbruch saßen 48 Personen mit einem Infizierten in einem Bus, alle ohne Maske. Es kam zu 9 Infektionen, alle hatten mehr als 2 Meter von Index-Patienten entfernt gesessen.

In Hochhäusern sind Ansteckungen über Wohnungsgrenzen hinweg möglich. Der UKHSA verweist auf 3 Aus­brüche, in denen Personen in verschiedenen Apartments erkrankten. Die Infizierten hatten keinen persönli­chen Kontakt, es gab lediglich Verbindungen über Entlüftungsschächte.

Die Ausbrüche erinnern stark an dem Ausbruch, zu der es 2003 während der ersten SARS-Pandemie in Hong­kong in der Wohnanlage Amoy Gardens gekommen war. Damals waren Bewohner verschiedener Gebäude erkrankt. Später wurde vermutet, dass die Viren in der Außenluft eine Distanz von bis zu 60 Metern über­wunden hatten.

Auch in Fabriken, Fitnesseinrichtungen, Gerichtssälen, Büros und Kaufhäusern ist es zu Ausbrüchen ge­kommen. In Deutschland ist der Ausbruch beim Fleischverarbeiter Tönnies in Erinnerung, wo sich 31 von 140 Arbeitern einer Schicht infizierten, deren Arbeitsplatz bis zu 12 Meter vom Index-Fall entfernt war.

In einem Fitness-Studio in Hawaii hatte ein infizierter Trainer ohne Maske die Sportler auf ihren Ergometern lautstark angefeuert. Alle 10 Kursmitglieder wurden 3 bis 6 Tage später positiv getestet. In der Schweiz kam es in einem schlecht gelüfteten Gerichtssaal trotz eines Abstands von 1,5 Metern zwischen den Sitzen zu mehreren Infektionen. Die Anwesenden hatten ihre Masken auf den Sitzen abgenommen.

In Italien infizierten sich in einem Büro 5 von 6 Mitarbeitern, obwohl Vorsichts­maß­nahmen wie Distanzierung, Acrylplatten zwischen den Schreibtischen und Händehygiene vorgeschrieben waren. Auch hier durfte die Gesichtsbedeckung am Schreibtisch abgenommen werden. In einem Geschäft in China infizierten sich 6 Verkäufer und 18 Kunden, weil der Raum schlecht belüftet war.

Gut untersucht sind auch Ausbrüche in Chören. In einem Gottesdienst in Sydney wurden die Viren über Distanzen von 1 bis 15 Metern übertragen. In kleineren Räumen kann es schnell zu hohen Infektionsraten kommen. In den Niederlanden lagen die Infektionsraten bei 53 % bis 74 %. Nach einer 2 1/2-stündigen Probe in einer Kirche in Washington infizierten sich sogar 87 % der Sänger (wahrscheinliche Fälle eingeschlossen).

Daphne Duval von der UKHSA und Mitarbeiter kommen zu dem Schluss, dass in 16 von 18 Ausbrüchen eine Übertragung über große Entfernungen in der Luft stattgefunden hat. In den beiden anderen Ausbrüchen konnte dies nicht sicher belegt werden.

In den 16 Ausbrüchen gab es Umstände, die die Wahrscheinlichkeit einer Übertragung über große Entfernun­gen in der Luft erhöht haben. Dies konnte ein unzureichender Luftaustausch oder ein gerichteter Luftstrom (etwa durch eine Klimaanlage) gewesen sein oder Aktivitäten, die mit einer erhöhten Emission von Aerosolen verbunden sind, wie etwa Singen oder lautes Sprechen.


/Matthieu, stock.adobe.com

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