„Viele arbeiten psychisch und phy­sisch seit längerem am Limit“

Deutsches Ärzteblatt vom Mittwoch, 12.1.2022


Dresden – Auch die Ärzteschaft setzt sich vehement dafür ein, dass die Medizinischen Fachangestellten (MFA) in den Arztpraxen einen Coronabonus erhalten. Das Bundesgesundheitsministerium (BMG) hatte jüngst eine solche Prämienzahlung abgelehnt.

Im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt (DÄ) erörtert Erik Bodendieck, Präsident der Sächsischen Landesärztkammer (SLAEK) und selbst als niedergelassener Facharzt für Allgemeinmedizin tätig, seine Einschätzung.

5 Fragen an Erik Bodendieck, Präsident der Sächsischen Landesärztkammer

DÄ: Wie bewerten Sie die Verlautbarungen aus dem BMG, nach denen es keinen Coronabonus für die Medizinischen Fachan­gestellten in den Arztpraxen geben soll? Erik Bodendieck: Diese Ankündigung ist, das kann man nicht anders sagen, schwer enttäuschend. Nach nun zwei Jahren Coro­napandemie würde das Praxispersonal wieder unberücksichtigt bleiben.

DÄ: Seitens der Politik werden andere Berufsgruppen, wie Pflege­kräfte in Krankenhäusern und Altersheimen, priorisiert – aus Ihrer Sicht verständlich? Bodendieck: Dort wird unbestritten eine gute und wichtige Arbeit geleistet. Das sollte jedoch nicht davon ablenken, dass auch und gerade in den Arztpraxen extrem viel geleistet wurde und wird.

Die meisten infizierten Patienten haben schließlich zuerst eine Praxis aufgesucht. Neben der alltäglichen Regelversorgung, unter Coronabedingungen schon herausfordernd genug, sorgt insbesondere das großartige Engagement im Rahmen der Impfungen für erhebliche Zusatzbelastungen.

Hinzu kommt: Die Pandemie schuf viel Verunsicherung und Ängste – das schlägt sich auch in den Praxen nieder. Neben einem erhöhten Informationsbedarf müssen die MFA auch Beschimpfungen und Bedrohungen teils sehr aggressiver Patientinnen und Patienten aushalten. Viele arbeiten psychisch und physisch seit längerem am Limit.

DÄ: Sehen Sie noch Chancen auf einen politischen Meinungswechsel? Bodendieck: Da bin ich leider wenig optimistisch.

DÄ: Warum das? Bodendieck: Leider bewegen sich die MFA oftmals noch immer in dem luftleeren Raum eines politischen Verschiebebahnhofs. Die Entwicklung hin zu einer klaren Anerkennung als Gesundheitsfachberuf verläuft leider sehr schleppend.

Dies hat auch auf andere Aspekte als den Coronabonus negativen Einfluss – etwa wenn es um die Frage des drohenden Fachkräftemangels geht.

DÄ: Welche möglichen Auswirkungen könnte die Kombination aus Arbeit am Limit und geringer politi­scher Wertschätzung für die MFA in der aktuellen Lage haben? Bodendieck: Gerade die derzeit massiv verlaufende Omikron-Welle zeigt doch, wie dringend der ambu­lan­te Versorgungsbereich benötigt wird.

Wenn alle Coronainfizierten, auch mit eher milder Symptomatik, die Krankenhäuser stürmen, droht eine Kettenreaktion mit Überlastungssituationen. Die Arztpraxen können dies auffangen, dafür sind sie aber auf leistungsfähiges und motiviertes Personal angewiesen. © aha/aerzteblatt.de



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