Verlegung von COVID-19-Intensiv­patienten ins benachbarte Ausland möglich

Deutsches Ärzteblatt vom Freitag, 19.11.2021


Die Lage auf den Intensivstationen in Deutschland verschärft sich weiter. Die Politik rechnet damit, dass vermehrt Verlegungen von COVID-19-Patienten über die jeweiligen Grenzen der Bundeslän­der und das Kleeblattsystem hinaus er­for­derlich sein werden.

Der geschäftsführende Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) betonte heute auf einer Pressekon­ferenz in Berlin, dass er mit einer überregionalen Verteilung von COVID-19-Intensivpatienten in ganz Deutschland rechnet.

Möglicherweise müssten Patienten sogar ins benachbarte Ausland verlegt werden, so der Minister. Darü­ber gebe es jede Woche Abstimmungen zwischen Bund und Ländern. Spahn geht auch von frühzeitigen Verlegungen aus. Diese seien schwierig, wenn Patienten erst einmal an einer ECMO angeschlossen seien.

Die 16 Bundesländer sind in bundesweit fünf Gruppen (Kleeblätter) eingeteilt, die sich zunächst gegen­seitig helfen sollen. Ist ein ganzes Kleeblatt überlastet, wird deutschlandweit verteilt. Erste Verlegungen hat es in den Bundesländern bereits gegeben.

Die Bundesregierung plant offenbar auch einen Hilfseinsatz der Luftwaffe zur Verlegung von schwer­kranken Corona-Patienten aus besonders betroffenen Gebieten in Süddeutschland. Schnelle Transport­kapazitäten sollen bereitgehalten werden, um Erkrankte bei einer Überlastung von Intensivstationen in Regionen mit freien Kapazitäten fliegen zu können. „Es gibt noch keine offiziellen Amtshilfeanträge dazu, aber wir bereiten uns darauf vor“, sagte ein Sprecher des Verteidigungsministeriums, nachdem die Bild-Zeitung zuerst berichtet hatte.

Nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur laufen seit einigen Tagen Planungen, die vom Bun­des­kanzleramt angestoßen sind und an denen neben dem Militär auch das Berliner Universitätsklinikum Charité beteiligt ist. Möglich ist, dass wie bereits im vergangenen Jahr ein Flugzeug der weißen Flotte der Luftwaffe mit sogenannten Patiententransport-Einrichtungen für die Aufgabe umgebaut wird.

Die Luftwaffe verfügt zudem über zwei Spezialflugzeuge für den Transport von Intensivpatienten – einen A310 „MedEvac“ in Köln und einen A400M „MedEvac“ im niedersächsischen Wunstorf. Diese werden im Moment noch für mögliche militärische Aufgaben bereitgehalten. Zudem gibt es Rettungshubschrauber des Militärs.

Nationale Notlage

Der Präsident des Robert-Koch-Instituts (RKI), Lothar Wieler, sprach heute erneut von einer nationalen Notlage. Im Bundesdurchschnitt seien bereits 15 Prozent der Intensivbetten mit COVID-19-Patienten belegt. Als maximale Größe hatte das RKI zwölf Prozent angeraten.

Wieler stellte klar, die gewohnte medizinische intensivmedizinische Versorgung – etwa von Schlagan­fallpatienten oder Unfallopfern – sei damit in Teilen von Deutsch­land nicht mehr gesichert.

Dem RKI-Chef zufolge gibt es mittlerweile mehr als 110 Landkreise mit einer Inzidenz von mehr als 500. Zwölf Landkreise lägen bei mehr als 1.000 Fällen je 100.000 Einwohner.

Auch die Situation in den Schulen ist aus Sicht von Wieler besorgniserregend. Die Inzidenz bei den fünf bis 15-Jährigen liege bei über 700, so Wieler. Es gebe immer mehr Schulaus­brüche. Wieler betonte, dass es aber kaum noch Bereiche gebe, die herauszuheben seien, „Ganz Deutsch­land ist ein großer Ausbruch“, sagte er.

Wieler hält die von der Ministerpräsidentenkonferenz flächendeckend beschlossene 2G-Regel in der der­zeitigen Pandemielage für nicht mehr ausreichend. Die 2G-Regel sei sinnvoll, „in der aktuellen Situation reicht das nicht mehr“, sagte er. Wieler bekräftigte seine Forderung, Großveranstaltungen abzusagen, Hotspots wie schlecht belüftete Clubs und Bars zu schließen und private Kontakte zu reduzieren.

Angesichts der dramatischen Lage schloss Spahn heute auf Nachfrage einen Lockdown nicht mehr gänz­lich aus. Es müsse aber nun darum gehen, dass man nicht in diese Situation komme. Spahn verwies auf die von Bund und Ländern gestern vereinbarten einheitlichen Schwellenwerte bei der Klinikbelastung, ab denen in den Ländern schärfere Maßnahmen greifen müssen.

Die vorgesehenen Schritte mit flächendeckenden Zugangsregeln nur für Geimpfte und Genesene (2G) müssten konsequent umgesetzt und konsequent kontrolliert werden. Es gehe um einen „Lockdown für Ungeimpfte“ und deutliche Kontaktbeschränkungen. Der Minister hält je nach Lage vor Ort auch eine Schließung von Bars und Clubs für notwendig. Auch Veranstaltungen sollten verkleinert oder besser noch ganz abgesagt werden.

„Wir sind in einer nationalen Notlage“, sagte der CDU-Politiker. „Es ist zehn nach Zwölf.“ Jetzt brauche es daher eine nationale Kraftanstrengung, um gegenzusteuern. „Allein mit Impfen, mit Boostern werden wir das Brechen der Welle, das wir kurzfristig brauchen, nicht mehr erreichen.“

Unterdessen hat das RKI bekannt gegeben, dass Belgien und ein Großteil der Niederlande wegen stark steigender Infektionszahlen von Sonntag an als Coronahochrisikogebiete eingestuft werden. Auch das bei Urlaubern beliebte Griechenland sowie Irland fallen nun in diese Kategorie. Im Fall der Niederlande sind die Überseegebiete Aruba, Curacao und Sint Maarten ausgenommen.

Wer aus einem Hochrisikogebiet einreist und nicht vollständig geimpft oder genesen ist, muss für zehn Tage in Quarantäne und kann sich frühestens fünf Tage nach der Einreise mit einem negativen Test da­von befreien. Von der Liste der Hochrisikogebiete gestrichen werden am Sonntag: Französisch Guayana, Neukaledonien, Costa Rica, Guatemala, Guayana und Suriname. Zuerst hatten die Zeitungen der Funke-Mediengruppe darüber berichtet.


/picture alliance, Sebastian Gollnow

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