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USA: Burnout bei Ärzten hat in der Pandemie zugenommen

Deutsches Ärzteblatt vom Freitag, 7.10.2022


Obwohl Ärzte mittlerweile nicht mehr um ihr Leben fürchten müssen, weil genügend Schutzkleidung und effektive Impfstoffe zur Verfügung stehen, ist der Berufsstress im zweiten Jahr der Pan­demie deutlich angestiegen. Eine in den USA durchgeführte Umfrage ergab, dass dort mittlerweile 63 % der Ärzte unter mindestens einem Burnout-Symptom leiden. Die Ergebnisse wurden kürzlich in den Mayo Procee­dings (2022; DOI: 10.1016/j.mayocp.2022.09.002) vorgestellt.

Dass Ärzte infolge der hohen Anforderungen, langen Arbeitszeiten und häufig auch der fehlenden Erfolgs­erleb­nisse anfällig für ein Burnout-Syndrom sind, ist seit längerem bekannt. Mediziner der Mayo Clinic in Rochester hatten deshalb 2011 mit einer landesweiten Umfrage unter Medizinern begonnen, die sie alle 3 Jahre wiederholen wollten. Die vierte Umfrage konnte Corona-bedingt erst zwischen November 2020 und März 2021 durchgeführt werden, als die Ärzte noch unter den Auswirkungen der ersten Erkrankungswellen litten.

Zur Überraschung von Tait Shanafelt, der inzwischen an der Stanford University in Palo Alto tätig ist, hatten sich die Folgen der Pandemie auf die Psyche der Ärzte damals noch nicht gezeigt. Über eines der 3 Symptome nach Maslach (emotionale Erschöpfung, Depersonalisation oder reduzierte persönliche Leistungsfähigkeit) klagten „nur“ 38,2 % der Ärzte. Im Jahr 2011 waren es 45,4 % und im Jahr 2014 sogar 54,4 % gewesen.

Shanafelt führt das geringere Stresslevel zum einen darauf zurück, dass die Pandemie noch nicht alle Teile des Landes erreicht hatte. Der Lockdown könnte aber auch eine Reihe potenziell positiver Veränderungen mit sich gebracht haben, wie die „virtuelle“ Betreuung von Patienten, verminderte Dokumentationsanforderungen, ein Aufbrechen interdisziplinärer Barrieren und eine bessere Zusammenarbeit in Teams.

Diese Zeiten sind jedoch vorüber. Mittlerweile habe sich COVID-19 zu einem chronischen Problem entwickelt, das mit Personalknappheit, einer zunehmend wissenschaftsfeindlichen Einstellung der Patienten und ihrem häufig ungebührlichem Auftreten verbunden sei, beklagt Shanafelt.

Viele Ärzte würden auch privat unter den Folgen der Pandemie leiden, zu denen etwa Probleme bei der Schule und Kinderbetreuung gehören. Aber auch die politische Situation habe sich durch die drängenden sozialen Probleme, die zunehmende Waffengewalt und zuletzt den Krieg in der Ukraine, der Inflation und den wirtschaftlichen Sorgen verschlechtert.

Die zuletzt genannten Aspekte spielten zum Zeitpunkt der aktuellen Umfrage, die im Dezember 2021 und Januar 2022 durchgeführt wurde (der 3-Jahresrhythmus wurde wegen der Pandemie aufgegeben), noch keine Rolle. Sie lassen allerdings für das nächste Jahr ein noch ungünstigeres Ergebnis erwarten.

In der aktuellen Umfrage ist der Anteil der Ärzte, die mindestens 1 der 3 Burnout-Symptome angaben, auf 62,8 % gestiegen gegenüber 38,2 % im Jahr 2020. Auch die Zufriedenheit mit der Work-Life-Balance ist von 46,1 % im Jahr 2020 auf 30,2 % im Jahr 2021 gesunken.

Der Anteil der Ärzte, die ihren Beruf im hohen Maße als erfüllend empfinden, ist von 40 % im Jahr 2020 auf 22,4 % im vergangenen Jahr gefallen. Der Anteil der Ärzte, die ihren Beruf erneut ergreifen würden, fiel von 72,2 % auf 57,5 ​%.

Erstaunlich ist, dass die Belastungen und die Unzufriedenheit nur zu einer leichten Zunahme von Depressio­nen geführt haben. In einem Depressions-Score kam es nur zu einem leichten Anstieg von 49,5 % im Jahr 2020 auf 52,5 % im Jahr 2021.


/Robert Kneschke, stock.adobe.com

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