US-Studie findet Assoziation zwischen COVID-19 und retinalen Venenverschlüssen

Deutsches Ärzteblatt vom Dienstag, 19.4.2022


Eine Infektion mit SARS-CoV-2 ist offenbar nicht nur mit einem erhöhten Risiko für syste­mische Gefäßschädigungen assoziiert, in den 6 Monaten nach der Infektion treten bei den Patienten möglicherweise auch mehr retinale Venenverschlüsse auf.

Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie in JAMA Ophthalmology (2022; DOI: 10.1001/jamaophthalmol.2022.0632)

Die Forschungsgruppe um Bobeck S. Modjtahedi vom Department of Research and Evaluation der Southern California Permanente Medical Group, Pasadena, analysierte retrospektiv eine große Datenbank des US-Gesundheitsdienstleisters Kaiser Permanente Southern California.

In die Kohortenstudie wurden 432.515 Versicherte eingeschlossen, bei denen einen Infektion mit SARS-CoV-2 diagnostiziert wurden und die zuvor noch keinen retinalen Gefäßverschluss gehabt hatten. Sie waren im Schnitt 40,9 Jahre alt und etwas mehr als die Hälfte von ihnen waren Frauen.

Signifikant mehr Venenverschlüsse in der Netzhaut

In den 6 Monaten nach der Infektion entwickelten 16 Patienten einen retinalen Arterienverschluss (3 pro 1 Million Patienten) und 65 einen retinalen Venenverschluss (12 pro 1 Million Patienten). Die Inzidenz neu aufgetretener retinaler Venenverschlüsse war in den 6 Monaten nach der SARS-CoV-2-Infektion höher als in den 6 Monaten davor – auch nach Adjustierung um Alter, Geschlecht, Ethnizität, BMI, Diabe­tesstatus, Hypertonie, Hyperlipidämie und Hospitalisierung (aIRR 1,54 [95-%-KI 1,05-2,26]; p=0,03).

Auch bei den retinalen Arterienverschlüssen gab es nach der COVID-10-Diagnose einen kleinen Anstieg, der aber statistisch nicht signifikant war (IRR 1,35 [95-%-KI 0,64-2,85]; p=0,44). Am höchsten waren die Inzidenzen retinaler Venen- und Arterienverschlüsse 6-8 Wochen bzw. 10-12 Wochen nach der Diagnose.

Kausalität wäre biologisch plausibel

Modjtahedi und seine Kollegen schlussfolgern, dass die Inzidenz retinaler Venenverschlüsse nach COVID-19 zwar erhöht gewesen sei, aber dennoch seien „diese Ereignisse weiterhin selten und ohne randomi­siert-kontrollierte Studien kann eine kausale Beziehung nicht etabliert werden“.

In einem begleitenden Editorial schreibt K. Thiran Jayasundera vom Department of Ophthalmology and Visual Sciences an der University of Michigan Medical School in Ann Arbor, dass eine Ursache-Wirkungsbeziehung durchaus biologisch plausibel wäre: „COVID-19 führt durch disseminierte intravas­kuläre Koagulation und eine vaskulitisähnliche Reaktion zu Schäden an den Blutgefäßen. Auch die Ent­stehung von Thromben wird durch die Erkrankung begünstigt. Und sowohl Gefäßschädigungen als auch Thrombenbildung sind Risikofaktoren für retinale Venenverschlüsse.“

Die Ergebnisse der retrospektiven Studie bestätigen Fallberichte zu retinalen Venenverschlüssen nach Infektionen mit SARS-CoV-2 und stärken die Evidenz für eine Assoziation zwischen COVID-19 und retina­le Gefäßverschlüsse. Um die „Stärke und Konsistenz dieser Assoziation weiter zu untersuchen, sollte sie in weiteren großen Datenbanken überprüft werden“, so Jayasundera. Mit einer robusten Evidenzbasis für Kausalität ließen sich dann Strategien zur Vorbeugung und Überwachung entwickeln.


/meenon, stock.adobe.com

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