Ungeimpfte infizieren sich häufiger mit SARS-CoV-2

Deutsches Ärzteblatt vom Mittwoch, 17.11.2021


Coronadaten aus mehreren Bundesländern deuten auf einen wesentlich höheren Anteil an Neu­infektionen unter Ungeimpften hin als unter Menschen mit vollständigem Impfschutz. Zwar werden Un­geimpfte vermutlich viel häufiger getestet, doch eine grobe Einschätzung des Pandemiegeschehens ge­trennt nach Impfstatus lassen die Werte aus Expertensicht dennoch zu.

Im Coronahotspot Sachsen zum Beispiel, wo die Quote der vollständig Geimpften derzeit bundesweit mit weniger als 60 Prozent am niedrigsten ist, klaffte zwischen den beiden Gruppen zuletzt eine immense Lücke: Während die Inzidenz der Geimpften etwa gestern bei gut 64 Fällen pro 100.000 Menschen bin­nen sieben Tagen lag, war dieser Wert bei nicht oder nicht vollständig Geimpften rund 28 Mal so hoch: gut 1.823 Fälle.

Solche Zahlen seien „sicher etwas verzerrt“, sagte Carsten Watzl, Generalsekretär der Deutschen Gesell­schaft für Immunologie, mit Blick auf Faktoren wie etwa die Testhäufigkeit. Ungeimpfte müssen sich zum Beispiel zwingend testen lassen, wenn 3G-Regeln im Restaurant oder am Arbeitsplatz gelten.

Auch junge Schüler, die (noch) nicht geimpft sind, werden regelmäßig auf COVID-19 untersucht. Men­schen mit Impfzertifikat hingegen brauchten bisher häufig keinen Test vorzulegen. Daher könnten beson­ders in dieser Gruppe einige Neuinfektionen unentdeckt geblieben sein. Diese Faktoren seien aber nicht so bedeutend, dass sie den Unterschied ganz erklärten, sagte Watzl.

„Daher ist immer noch richtig, dass sich Ungeimpfte deutlich häufiger infizieren als Geimpfte.“ Er verwies unter anderem auf die Coronafälle im Krankenhaus. An der Hospitalisierungsinzidenz werde der Unter­schied sehr deutlich, so Watzl.

Nach den jüngsten verfügbaren Daten des Robert-Koch-Instituts (RKI) kamen vom 18. bis 24. Oktober (Kalenderwoche 42) pro 100.000 Menschen sechsmal mehr aus der Gruppe der ungeimpften 18- bis 59-Jährigen wegen COVID-19 ins Krankenhaus als von den Geimpften dieser Altersklasse.

Bei den Menschen ab 60 Jahren lag die Hospitalisierungsinzidenz der Ungeimpften gut 4,7 Mal so hoch. Eine Impfung schützt nicht zu 100 Prozent, daher kann sie Infektionen oder auch schwere Verläufe bei Geimpften nicht ganz verhindern.

Die Sieben-Tage-Inzidenz bei den Neuinfektionen wird neben Sachsen etwa auch in Thüringen, Bayern und Sachsen-Anhalt getrennt nach Geimpften und Ungeimpften angegeben – teilweise täglich oder wöchentlich. Hingegen machen beispielsweise Schleswig-Holstein und Niedersachsen keine solche Unterscheidung.

Auch in Bremen, dem Bundesland mit der deutschlandweit höchsten Impfquote (gestern: 79,3 Prozent), gab es zuletzt eine Diskrepanz zwischen den Gruppen, wenn auch nicht so deutlich wie in Sachsen: In der ersten Novemberwoche lag in der Hansestadt die Inzidenz unter den Ungeimpften bei knapp 261 und unter Geimpften bei gut 41.

Bundesweit gibt es keine einheitlichen Regeln, wer zur jeweiligen Gruppe zu zählen ist. Sachsen zum Beispiel ordnet Coronafälle ohne Angaben zum Impfstatus bei den nicht (vollständig) Geimpften ein. Auch Baden-Württemberg verfuhr bis vergangene Woche so. Doch der Anteil der Menschen mit unbe­kanntem Impfstatus in der Gruppe der Ungeimpften war dort mit 83 Prozent sehr groß. Seit Freitag gibt das Landesgesundheitsamt in Stuttgart die Inzidenz nicht mehr getrennt nach Impfstatus an.

Das Robert-Koch-Institut hingegen schließt in seinen Erhebungen zum Vergleich von Geimpften und Un­geimpften alle Fälle mit unvollständigen Angaben zum Impfstatus oder einer Teilimpfung aus. Die Be­hör­de gibt regelmäßig einen bundesweiten Überblick über die getrennte Inzidenz – anders als die Län­der allerdings nur bei Betroffenen mit Symptomen.

Aus den jüngsten RKI-Daten nach Impfstatus geht hervor, dass in Kalenderwoche 42 die Sieben-Tage-Inzidenz bei symptomatischen COVID-Fällen sowohl bei 18- bis 59-jährigen Ungeimpften als auch bei den ab 60 Jahren rund dreimal so hoch war wie bei voll­ständig Geimpften derselben Altersgruppe.

Das RKI schrieb in seinem Wochenbericht vom vergangenen Donnerstag, dass grob geschätzt seit Anfang Februar der Schutz vor einer Infektion mit Symptomen durch Impfung bei den 18- bis 59-Jährigen bei 82 Prozent und bei den Älteren bei 80 Prozent lag.

Das Institut wies allerdings darauf hin, dass die Werte mit Vorsicht interpretiert werden müssten: Das Infektionsgeschehen, Impfquoten und ein möglicherweise unterschiedliches Testverhalten bei Geimpften und Ungeimpften könnten zu Verzerrungen führen.


/picture alliance, Bernd Weissbrod

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