Thrombotische Komplikationen: SARS-CoV-2 in den Wochen vor und nach einer Operation erhöht Risiko

Deutsches Ärzteblatt vom Donnerstag, 26. August 2021


Chirurgische Eingriffe sind bei Patienten mit SARS-CoV-2-Infektionen mit einem erhöhten Risiko auf eine venöse Thromboembolie (VTE) verbunden. Am meisten gefährdet sind nach einer prospektiven Beobachtungsstudie in Anaesthesia (2021; DOI: 10.1111/anae.15563) Patienten, die sich in den letzten Wochen vor der Operation infizierten. Venöse Thromboembolien (VTE) sind ein gefürchtetes Risiko von chirurgischen Eingriffen, die auch durch eine medikamentöse Prophylaxe nicht immer verhindert werden können. Da es bei COVID-19 zu einer Aktivierung der Blutgerinnung kommt, die vermutlich maßgeblichen Anteil an schweren und tödlichen Verläufen hat, war zu befürchten, dass COVID-19-Patienten, die aus welchen Gründen auch immer sich einer Operation unterziehen müssen, besonders gefährdet sind.

Die „GlobalSurg Collaborative“, die seit einigen Jahren weltweit Daten zum Ausgang von Operationen sammelt, hat deshalb zu Beginn der Pandemie eine Studie zu den Auswirkungen von COVID-19 auf die Häufigkeit postoperativer VTE durchgeführt.

Im Oktober 2020 wurden an 1.630 Kliniken aus 115 Ländern 128.013 Patienten operiert. Darunter waren 4.418 Patienten, die sich entweder perioperativ (7 Tage vor bis 30 Tage nach der Operation), in der 2. bis 6. Woche vor der Operation oder zu einem früheren Zeitpunkt mit SARS-CoV-2 infiziert hatten.

Wie ein Team um Elizabeth Li von der Universität Birmingham ermittelte, kam es nach einer periope­rativen Infektion bei 50 von 2.317 Patienten (2,2 %) zu einer postoperativen VTE. Gegenüber den Patienten ohne SARS-CoV-2, wo auf 123.591 Patienten 666 VTE-Fälle (0,5 %) kamen, bedeutete dies einen Anstieg um 50 % (adjustierte Odds Ratio 1,5; 95-%-Konfidenzintervall 1,1 bis 2,0).

Noch stärker gefährdet waren Patienten, deren SARS-CoV-2-Diagnose bereits 1 bis 6 Wochen zurücklag. In dieser Gruppe erkrankten 15 von 953 Patienten (1,6 %) und die adjustierte Odds Ratio betrug 1,96 (1,16 bis 3,33). Von den Patienten, deren SARS-CoV-2-Infektion noch weiter zurücklag, erkrankten 11 von 1.148 Patienten (1,0 %). Die Odds Ratio von 1,66 war hier mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 0,90 bis 3,04 jedoch nicht signifikant. Die VTE ging in den 3 Gruppen der SARS-CoV-2-Infizierten mit einem deutlichen Anstieg der Sterberate einher. Bei einer perioperativen Infektion starben 40,0 % der Patienten mit VTE und 10,4 % ohne VTE. Bei einer Infektion zwischen der 2. und 6. Woche vor der Operation betrug das Sterberisiko bei einer VTE sogar 66,7 % gegenüber 6,4 % ohne VTE.

Bei einer Infektion, die mehr als 6 Wochen zurücklag, war das Sterberisiko bei einer VTE mit 9,1 % nicht mehr erhöht (es war sogar niedriger als bei den Patienten ohne SARS-CoV-2-Infektion, von denen 17,6 % im Fall einer postoperativen VTE starben).

Eine Konsequenz aus den Studienergebnissen könnte sein, bei Patienten mit SARS-CoV-2 in den ersten Wochen nach der Infektion auf elektive chirurgische Eingriffe zu verzichten und die übrigen Patienten in den ersten Wochen nach der Operation vor einer Infektion mit SARS-CoV-2 zu schützen.

Wenn eine Operation nicht aufschiebbar ist, raten die Autoren die routinemäßige Standard-VTE-Prophylaxe penibel einzuhalten und die Patienten regelmäßig auf Zeichen einer Thromboembolie hin zu untersuchen.



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