Studie: Wann Zuschauer im Stadion zu Superspreadern werden

Deutsches Ärzteblatt vom Dienstag, 19. August 2021

Die unterschiedlichen Regelungen, mit denen die großen US-Sportverbände auf die Pandemie reagiert haben, ermöglichen es Epidemiologen, die Auswirkungen auf die Ausbreitung von SARS-CoV-2 zu untersuchen.

2 Studien in JAMA Network Open (2021; DOI: 10.1001/jamanetworkopen.2021.19621) und im Lancet (Preprint ssrn.3805754) kommen zu unterschiedlichen Ergebnissen.

Fans, die im Stadion oder außerhalb gemeinsam ihrer Mannschaft zujubeln, teilen nicht nur Freud und Leid miteinander, sie können auch SARS-CoV-2 (und andere Krankheitserreger) untereinander austau­schen. Wie hoch das Risiko von Superspreaderereignissen ist, lässt sich an der Entwicklung der Fall­zahlen nach den Spielen ableiten. Da es neben dem Sportereignis immer noch andere Einflüsse auf das Infektionsgeschehen gibt, vergleichen Epidemiologen die Entwicklung in Kreisen (in den USA Countys) mit und ohne einem Sportereignis.

Ein Team um Turgay Ayer hat die Daten zur „National Football League“ (NFL) und zur „National Collegiate Athletic Association“ (NCAA) ausgewertet. Die NFL ist mit durchschnittlich 67.000 Zuschauern pro Spiel die weltweit populärste Profiliga. Während der Coronawelle waren die Stadien teilweise leer, teilweise war der Besuch stark eingeschränkt. Im Durchschnitt sahen 9.949 Zuschauer die Spiele.

Die NCAA verwaltet die Wettkämpfe zwischen den Hochschulen, die ebenfalls gut besucht sind. In der Coronaepidemie gab es hier ebenfalls Beschränkungen, wobei Ayer jedoch keine Angaben zu den Besu­cherzahlen zur Verfügung standen. Er konnte bei seiner Analyse nur berücksichtigen, ob Zuschauer zugelassen waren oder nicht.

In den 14 Tagen nach einem Spiel von NFL oder NCAA kam es den Berechnungen von Ayer zufolge in den Countys um die Spielstätten zu 26,14 neuen COVID-19-Fällen auf 100.000 Einwohner. In den Countys, in denen Spiele ohne Zuschauer stattfanden, kam es zu einem Anstieg um 24,11 Fälle auf 100.000 Bewoh­ner. Die Unterschiede waren signifikant. Ayer hält es deshalb für vertretbar, eine gewisse Anzahl von Zu­schauern im Stadion zuzulassen, spricht sich aber für eine Maskenpflicht aus – neben der körperlichen Distanz, die sich aus der Beschränkung der Besucherzahlen ergibt.

Justin Kurland von der University of Southern Mississippi in Hattiesburg und Mitarbeiter kommen in einer ähnlichen Analyse zu etwas anderen Ergebnissen. Die Forscher haben ebenfalls den Einfluss der Zuschauerzahlen bei den NFL-Spielen auf die anschließenden Fallzahlen in den Countys untersucht. Ihr methodischer Ansatz war ähnlich wie bei Ayer. Die Forscher haben die Auswirkungen jedoch über einen längeren Zeitpunkt von bis zu 21 Tagen untersucht und den Einfluss verschiedener Zuschauerzahlen verglichen.

Die Ergebnisse zeigen – wegen der Inkubationszeit nicht unerwartet –, dass in den ersten 7 Tagen kein Unterschied in den Fallzahlen nachweisbar war. Nach 14 Tagen gab es in den Countys, in denen die NFL-Stars vor Zuschauern spielten, mit einer Case Ratio von 1,36 (95-%-Konfidenzintervall 1,00 bis 1,87) einen tendenziellen Anstieg, und nach 21 Tagen waren die Fallzahlen signifikant höher (Rate Ratio 1,49: 1,21 bis 1,83) als nach Spielen vor leeren Rängen.

Kurland konnte auch eine “Dosis-Wirkungs-Beziehung“ nachweisen. Nach NFL-Spielen, bei denen weni­ger als 5.000 Fans im Stadion anwesend waren, kam es in den Countys zu keinem nachweisbaren Anstieg der Inzidenz von COVID-19. Nach Spielen mit mehr als 20.000 Zuschauern nahm die Zahl der um den Spiel­ort herum diagnostizierten COVID-19-Fälle jedoch zu. Besonders deutlich war dies nach Spielen der „Dallas Cowboys“ und der „Tampa Bay Buccaneers“, die von mehr als 20.000 Fans im Stadion verfolgt wurden. Nach den Spielen registrierte Kurland jeweils eine Verdopplung der Fallzahlen. © rme/aerzteblatt.de


/picture alliance, Newscom, Jason Pohuski

0 Ansichten0 Kommentare

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen