Studie: Herdenimmunität wegen Delta erst ab Impfquote von 90 Prozent

Deutsches Ärzteblatt vom Freitag, 12.11.2021


Wegen der verminderten Schutzwirkung der Coronaimpfstoffe gegen die Delta-Variante müssten sich mehr Menschen impfen lassen, um eine Herdenimmunität zu erreichen. Eine komplette Aufhebung der Kontakteinschränkungen wäre nach Berechnungen von Epidemiologen der Universität Tübingen erst bei einer Impfquote von 90 % möglich. Die Untersuchung hatte das baden-württember­gische Gesundheitsministerium in Auftrag gegeben.

Alle bisher publizierten Studien zeigen, dass die Impfstoffwirksamkeit gegen die Delta-Variante niedriger ist als gegen frühere Virusstämme. Nachgelassen hat vor allem die Schutzwirkung vor Infektionen, die für die Ausbreitung relevant ist.

Nach den Recherchen von Martin Eichner vom Institut für Klinische Epidemiologie und angewandte Biometrie an der Universität Tübingen ist die Impfstoffwirksamkeit von BNT162b2 von Biontech von 77-95 % auf 54-80 % gefallen.

Bei mRNA-1273 von Moderna kam es zu einem Rückgang von 82-100 % auf 51-87 %. AZD1222 von Astrazeneca erzielt nur noch eine Schutzwirkung von 67 % statt zuvor 51-79 %. Für Ad26.COV2.S von Janssen gibt es noch keine Zahlen. Der Einmalimpfstoff hatte jedoch bereits vor Auftreten der Delta-Variante nur zu 60 % vor einer Infektion geschützt.

Die Tübinger Epidemiologen haben ihren Berechnungen Wirksamkeitswerte von 60 % (pessimistisch), 70 % (mittlerer Wert) und 80 % (optimistisch) zugrunde gelegt. Obwohl die Mehrheit der Bevölkerung ge­impft ist, gehen den Forschern zufolge die meisten Infektionen von ungeimpften Personen aus. Der An­teil liegt laut Eichner (je nach Annahme zur Wirksamkeit der Impfung) derzeit zwischen 64 bis 78 % aller Infektionen.

Die Berechnungen ergaben, dass unter der optimistischen Annahme 86,9 % der gesamten Bevölkerung geimpft sein müsste, damit sich die Delta-Variante in einer Bevölkerung, in der 15 % von einer Infektion genesen sind, nicht weiter ausbreiten könnte, selbst wenn alle Kontakteinschränkungen aufgehoben würden. Bei der mittleren Impfwirksamkeit müssten es 93,3 % sein und bei der pessimistischen Annah­me müsste die Bevölkerung restlos geimpft werden.

Wenn nur 70 bis 80 % der Bevölkerung geimpft sind, könnte die nötige Herdenimmunität nach den Berechnungen von Eichner nur dann innerhalb eines Jahres erreicht werden, wenn die 7-Tage-Inzidenz zwischen 400 bis 800 pro 100.000 Einwohner liege, was derzeit nicht mehr überall der Fall ist.

Die Auffrischungen nach einer abgeschlossenen Grundimmunisierung könnten laut Eichner helfen, ältere und multimorbide Patienten vor einer Erkrankung zu schützen und Ausbrüche in Alten- und Pflege­heimen zu verhindern. In Bezug auf die Übertragungssituation in der Gesamtbevölkerung würden sie aber eher einen marginalen Effekt erzielen.


/Photocreo Bednarek, stock.adobe.com

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