STIKO-Entwurf: Nur Kinder mit Vorerkrankungen gegen Corona impfen

Deutsches Ärzteblatt vom Dienstag, 8. Juni 2021

Die Ständige Impfkommission (STIKO) wird voraussichtlich empfehlen, Kinder und Jugendliche zwischen 12 und 17 Jahren nur dann gegen Corona zu impfen, wenn sie bestimmte Vorerkrankungen haben, die mit einem erhöhten Risiko für einen schweren COVID-19-Verlauf einhergehen. Dies geht aus einem vorläufigen Beschlussentwurf hervor, der dem Deutschen Ärzteblatt vorliegt.

Dass der Entwurf keine generelle Impfempfehlung für diese Altersgruppe vorsieht, kommt nicht überraschend. STIKO-Vorsitzender Thomas Mertens hatte dies bereits am vergangenen Freitag angedeutet: „Es ist keine generelle Empfehlung der STIKO für alle gesunden Kinder zu erwarten“, sagte er im ZDF-Morgenmagazin. Für die Empfehlung einer Impfung bei allen gesunden Kindern reichten die Daten bei weitem nicht aus.

„Bislang wurde die Impfung nur bei etwas mehr als 2.000 Kindern untersucht“, erklärte Heymut Omran, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin – Allgemeine Pädiatrie am Universitätsklinikum Münster. „Seltene Komplikationen lassen sich so noch nicht abschätzen.“ Allerdings sei es auch durchaus normal, dass die STIKO eine Impfung nicht gleich flächendeckend empfehle, erinnerte der Pädiater mit Verweis etwa auf die Rotavirus-Impfung.

Impfung für kranke Kinder und Jugendliche ist empfehlenswert

Die Vorerkrankungen, bei denen die STIKO zu einer Impfung von Kindern und Jugendlichen gegen COVID-19, rät, sind dem Beschlussentwurf zufolge:

  • Adipositas (BMI>30kg/m2)

  • angeborene oder erworbene Immundefizienz oder relevante Immunsuppression

  • schwere Zyanose (Ruhe-Sättigung <80%)

  • schwere Herzinsuffizienz

  • schwere pulmonale Hypertonie

  • chronische Lungenerkrankungen mit einer anhaltenden Einschränkung der Lungenfunktion

  • chronische Niereninsuffizienz

  • chronische neurologische oder neuromuskuläre Erkrankungen

  • maligne Tumorerkrankungen

  • Trisomie 21

  • syndromale Erkrankungen mit schwerer Beeinträchtigung

Darüber hinaus sieht der STIKO-Entwurf eine Impfempfehlung für Kinder und Jugendliche ab 12 Jahren vor, „in deren Umfeld sich Angehörige oder andere Kontaktpersonen mit hoher Gefährdung für einen schweren COVID-19-Verlauf befinden, die selbst nicht geimpft werden können oder bei denen der begründete Verdacht auf einen nicht ausreichenden Schutz nach Impfung besteht (z. B. Menschen unter relevanter immunsuppressiver Therapie)“.

Bei Impfwunsch soll eine Impfung möglich sein

Eine Coronaimpfung bei Kindern und Jugendlichen im Alter von 12 bis 17 Jahren ohne Vorerkrankungen empfiehlt die STIKO dagegen ausdrücklich nicht. Sie sei aber „nach ärztlicher Aufklärung und bei individuellem Wunsch und Risikoakzeptanz des Kindes oder Jugendlichen bzw. der Sorgeberechtigten möglich.“

Kinderarzt Omran berichtete, dass psychische Erkrankungen und Ängste in der Pandemie bei Kindern zugenommen hätten. Auch die Linderung dieser Ängste könne ein Grund für eine Impfung sein. „Das muss man gemeinsam mit dem Kind und den Eltern im Gespräch klären.“

Omran verwies darauf, dass sich auch die Datenlage in den nächsten Wochen und Monaten immer weiter verbessern werde. Dies werde dann auch eine bessere Beratung ermöglichen.

Grundlage für die Entscheidung der STIKO sind aktuell Analysen von Daten zu Sicherheit und Wirksam­keit des mRNA-Impfstoffs von Biontech/Pfizer (Comirnaty) bei 12- bis 17-Jährigen und Auswertungen zur Epidemiologie und dem Krankheitsbild bei COVID-19. Comirnaty ist derzeit der einzige in der EU für Kinder ab 12 Jahren zugelassene COVID-19-Impfstoff.

Begründet wird Empfehlung von der STIKO zum einen mit dem Fehlen von Studiendaten zur Sicherheit. Comirnaty habe in der Zulassungsstudie bei Kindern und Jugendlichen im Alter von 12 bis 15 Jahren eine hohe Effektivität zum Schutz vor COVID-19 gezeigt. Doch hinsichtlich der Sicherheit des Impfstoffs bestünden „noch große Wissenslücken“, da die Nachbeobachtungszeit nach der Impfung zu kurz und die Zahl der eingeschlossenen Probanden zu gering gewesen sei.

Keine Hinweise aus „allgemein gegebenen Nutzen“

Zudem sind Kinder nach Einschätzung der STIKO nicht die Treiber des Pandemiegeschehens. Viele Kinder und Jugendliche infizierten sich asymptomatisch mit SARS-CoV-2 oder hätten, solange keine Vorerkrankungen bestünden, einen milden COVID-19-Krankheitsverlauf.

Der Nutzen der Impfung, schwere Erkrankungen und Todesfälle zu verhindern, sei in dieser Altersgruppe nicht allgemein gegeben. Es müssten etwa 100.000 12- bis 17-jährige Kinder und Jugendliche geimpft werden, um einen einzigen COVID-19-bedingten Todesfall in dieser Altersgruppe zu verhindern.

Der Entwurf war an Länder und Fachgesellschaften gegangen, die noch Änderungen einbringen konnten. Eine Veröffentlichung der finalen Fassung wird für übermorgen erwartet. © nec/aerzteblatt.de



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