Spahn: Leiten neue Coronakennzahlen aus letzten Wellen ab

Deutsches Ärzteblatt vom Dienstag, 24. August 2021


Bund und Länder beraten nach Angaben von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) über neue Kennzahlen zur Beurteilung der Coronalage in Deutschland.

„Wir haben ja Erfahrungswerte aus dem letzten Winter, etwa aus Dezember, Januar, wo wir eine sehr, sehr starke Belastung in den Kliniken hatten“, sagte Spahn heute in einem Interview der Welt. Gemeinsam mit den Ländern schaue man sich jetzt an, was die richtigen Kennziffern für weiteres Handeln seien. „Wir können sie ableiten aus den letzten zwei Wellen.“ Spahn hatte angekündigt, dass der bisherige Inzidenzwert von 50, der noch im Infektionsschutzgesetz als Richtwert für schärfere Maßnahmen verankert ist, ausgedient habe. Das Gesetz soll demnach nun ge­ändert werden. Künftig soll die Zahl der Krankenhausaufnahmen wegen COVID-19 entscheidend sein.

Der Bundesgesundheitsminister hatte die geplante Abkehr von der Coronainzidenz als maßgeblichen Gradmesser für Einschränkungen in Deutschland auch gestern in den ARD-Tages­themen verteidigte. Nie­mand habe gesagt, dass die Inzidenz gar kein Maßstab mehr sein solle. „Was klar ist: Die 50er-Inzidenz, wie sie aktuell im Gesetz steht, hat ausgedient.“

Der Vorschlag hatte gestern wie heute zu unterschiedlichen Reaktionen geführt. „Die vom Bundesge­sund­heitsminister vorgeschlagene Abkehr von der 50er-Inzidenz als bisher alleiniger ausschlaggebender Wert für schärfere Maßnahmen ist zu begrüßen und richtig“, sagte heute Andreas Gassen, Vorstandsvor­sit­zender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV).

Es müssten weitere Kennzahlen eingebracht werden, um die Coronalage adäquat beurteilen und daraus Handlungsoptionen für politische Entscheidungen ableiten zu können. „Die Belegung der Intensivbetten als weitere Kennzahl heranzuziehen, stellt einen Schritt in die richtige Richtung dar, ist aber alleine nicht ausreichend“, mahnte Gassen an. Wichtig seien zusätzliche Parameter wie regionale Impfquoten oder die Altersstruktur der Infizierten, um ein umfassendes Gesamtbild zu erhalten.

Für den Präsidenten der Bundesärztekammer (BÄK), Klaus Reinhardt, geht der Plan der Regierung in die richtige Richtung. Für die Beurteilung der Lage sei vor allem die Hospitalisierungsrate auf den Normal- sowie Intensivstationen entscheidend. Wichtig seien auch die Testpositivrate, die Impfquote und die Altersstruktur der Infizierten. Reinhardt hatte sich jüngst im BÄK-Podcasts „Sprechende Medizin“ zu den Indikatoren geäußert.

Auch der Hausärzteverband stellt sich hinter die Pläne der Bundesregierung. „Die Bewertung des Infekti­onsgeschehens müsste längst mehr Aspekte als nur die Inzidenzeinbeziehen“, sagte der Verbandsvorsit­zende Ulrich Weigeldt der Rheinischen Post.

„Die geplante Berücksichtigung der Hospitalisierungsrate ist deshalb ein richtiger erster Schritt, und dafür wurde es auch höchste Zeit.“ Es gehe darum, die Belastung des Gesundheitswesens abzubilden. „Diese ist im Moment moderat, und sie wird vor allem durch Personen verursacht, die nicht geimpft sind.“

Die Vereinigung der Intensivmediziner hat die Abkehr von der 50er-Inzidenz als zentralem Maßstab in der Pandemie ebenfalls begrüßt. „Wir befürworten den Beschluss von Gesundheitsminister Spahn“, sagte Gernot Marx, Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), im ZDF-Morgenmagazin. Er verwies dabei unter anderem auch auf die steigenden Impfquoten.

Die Inzidenz werde trotzdem weiterhin beachtet und bleibe für die Entwicklung im Gesundheitswesen „relevant“, betonte Marx. Es gebe generell einen Zusammenhang zwischen der Zahl der Neuinfektionen und der Krankenhausbelegung. Derzeit stelle diese aber „überhaupt kein Problem“ dar. Die Lage müsse jedoch täglich beobachtet werden. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) hält die geplante Abkehr von der 50er-Inzidenz als Richt­schnur für Coronamaßnahmen ebenfalls für richtig. Man begrüße die Entscheidung des Gesundheitsmi­nis­teriums, sagte der Vorstandsvorsitzende Gerald Gaß. „Schon seit geraumer Zeit fordern wir, dass neben der Inzidenz andere Indikatoren wie die Hospitalisierung, aber auch die Impfquote berücksichtigt wer­den.“

Durch die Impfungen sei ein Großteil der Bevölkerung geschützt. Die Inzidenzerkenntnisse aus der Vergangenheit beschrieben die aktuelle und zukünftige Lage nicht mehr ausreichend, sagte Gaß. In der Vergangenheit habe der Anteil der hospitalisierten COVID19-Fälle bei zwölf Prozent gelegen, heute seien es nur noch fünf Prozent. Er rief dazu auf, die Impfangebote wahrzunehmen. Die Hälfte der momentan im Krankenhaus behandelten Patienten sei jünger als 48 Jahre.

Gaß nannte die Zahl von 5.000 COVID-19-Patienten auf Intensivstationen wie in der zweiten und dritten Coronawelle eine „absolute Belastungsgrenze“. Er wandte sich aber gegen eine Festlegung von Grenzwerten für die generelle Aufnahme von COVID-19-Fällen im Krankenhaus. „Der Engpassfaktor ist immer die intensivmedizinische Betreuung.“

Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach übte hingegen scharfe Kritik an den Plänen der Bundesre­gierung geübt. „Es wäre zu riskant, wenn wir künftig nur auf einen nachgelagerten Warnwert wie den der Krankenhauseinweisungen schauen“, bekräftigte er in der Rheinischen Post. „Alle ungeimpften Menschen, besonders die vielen Millionen Kinder, werden der Durchseuchung ausge­setzt, wenn wir alles laufen lassen.“

Er warnte: „Meine Prognose ist, dass noch vor der Bundestagswahl die Inzidenzwerte so rasant gestiegen sein werden, dass auch die Krankenhausfälle wieder deutlich steigen und die Verantwortlichen im Bund und in den Ländern sich gegenseitig die Schuld für ein mögliches Versagen geben werden.“ © dpa/afp/may/aerzteblatt.de

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