SARS-CoV-2: Warum die Schutzwirkung bei längeren Dosierungs­intervallen anhält

Deutsches Ärzteblatt vom Dienstag, 27. Juli 2021

Die Verlängerung des Dosierungsintervalls, zu dem sich die britische Impfkommission Ende Dezember entschied, hat sich bewährt. Der Impfschutz hat sich vor der 2. Dosis kaum abgeschwächt, obwohl die Antikörpertiter abgefallen sind.

Neue immunologische Analysen der PITCH-Studie, die als Preprint veröffentlicht wurden, lassen vermu­ten, dass die T-Zellen zwischenzeitig für einen ausreichenden Schutz sorgen. Der Aufschub kann zudem die Antikörperantwort nach der 2. Dosis verstärken – auch gegen die Delta-Variante.

Die PITCH-Studie („Protective Immunity from T cells to COVID-19 in Health workers“) ist eine Teilstudie der SIREN-Studie („SARS-CoV-2 Immunity & REinfection EvaluatioN)“, die seit dem 7. Dezember mehr als 25.000 Angestellte des britischen Gesundheitswesens begleitet, die mit dem Biontech-Impfstoff BNT162b2 geimpft wurden. Die Teilnehmer werden regelmäßig mit einem PCR-Test kontrolliert, sodass auch asymptomatische Infektionen erkannt werden.

Da die Regierung Ende Dezember beschloss, die Intervalle von 3 bis 4 Wochen auf bis zu 12 Wochen zu erhöhen, liefert die Studie gute Daten für die Auswirkungen des Intervalls auf die Schutzimpfung. Heraus kam, dass 3 Wochen nach der 1. Dosis eine Schutzwirkung von 72 % erzielt wurde, die danach wenigs­tens konstant blieb (sie nahm sogar tendenziell zu).

Dieses Ergebnis steht im Widerspruch zu den Ergebnissen der immunologischen Untersuchungen, die nach der 1. Dosis einen allmählichen Abfall der Antikörpertiter registriert hatten. Diese Entwicklung ist auch in der PITCH-Studie erkennbar, die 503 Teilnehmer der SIREN-Studie genauer untersucht hat.

Wie Rebecca Payne von der Universität Newcastle und Mitarbeiter berichten, fiel der Antikörpertiter nach der 1. Dosis langsam, aber stetig ab. Gegen die Varianten Beta und Delta war nach der 1. Dosis überhaupt nur ein begrenzter Antikörperschutz aufgebaut worden. Dies ließ befürchten, dass die Impfung nicht vor der aus Indien stammenden Variante schützt.

Die T-Zell-Antwort war dagegen günstiger. Die Forscher verwendeten einen ELISpot-Assay. Er misst die Freisetzung von Interferon Gamma durch die T-Zellen nach einem Kontakt mit Virusantigenen. Die For­scher ermittelten 4 Wochen nach der 1. Impfung einen deutlichen Anstieg der Interferonfreisetzung, der bei den Personen mit verlängertem Intervall auch nach 10 Wochen, also vor der 2. Dosis, noch nachweis­bar war. Ein Rückgang wie beim Antikörpertiter war nicht erkennbar.

Nach der verzögerten 2. Dosis kam es dann zu einer deutlichen Antikörperreaktion. Die Titer waren laut Payne doppelt so hoch wie bei den Probanden, die die 2. Dosis bereits nach 3 oder 4 Wochen erhalten hatten. Die Antikörper neutralisierten in den Labortests auch die Delta-Variante und andere besorgnis­erregende Varianten (VOC). Dies spricht dafür, dass die Impfung mit dem mRNA-Impfstoff BNT162b2 auch vor dem Hintergrund der derzeitigen Dominanz der Delta-Variante erfolgreich sein kann.

Zeigen wird sich dies allerdings erst in weiteren Analysen der SIREN-Studie. Von den Ergebnissen von Laboruntersuchungen kann nicht unbedingt auf eine klinische Schutzwirkung geschlossen werden (Sie liefern eher die immunologische Begründung eines Impferfolgs).

Interessanterweise kam es nach dem langen Dosierungsschema zu einem 1,6-fach geringeren Anstieg der T-Zell-Aktivität als nach dem kurzen Dosierungsschema. Der Anteil der „Helfer“-T-Zellen, die für das langfristige Immungedächtnis wichtig sind und bei der Bildung von Antikörpern helfen, war dagegen erhöht. Diese divergierenden Befunde geben den Immunologen noch Rätsel auf.

Die Teilnehmer sollen deshalb 6 und 12 Monate nach der Impfung erneut untersucht werden. Der Rat der Immunologen ist, auf keinen Fall auf die 2. Dosis zu verzichten. Für besonders vulnerable Personen könnte im Herbst eine 3. Dosis notwendig werden. © rme/aerzteblatt.de


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