SARS-CoV-2: Thrombozytopenien und Thrombosen nach COVID-19 häufiger als nach Impfung mit AZD1222

Deutsches Ärzteblatt vom Freitag, 27. August 2021


Eine Analyse von elektronischen Patientendaten des National Health Service (NHS) in England bestä­tigt, dass es nach der Impfung mit dem Astrazeneca-Impfstoff AZD1222 zu einem Anstieg von schweren Thrombozytopenien und venösen Thromboembolien kommt. Für den Biontech-Impfstoff BNT162b2 wurde ein potenzielles Sicherheitssignal auf vermehrte arterielle Thromboembolien, etwa Schlaganfälle gefunden. Beide Komplikationen traten nach den jetzt im briti­schen Ärzteblatt (BMJ 2021; 374: n1931) mitgeteilten Ergebnissen einer SCCS-Studie nach einer Infek­tion mit SARS-CoV-2 im Rahmen von COVID-19 wesent­lich häufiger auf.

Nach der Einführung des an der Universität Oxford entwickelten Impfstoffs ChAdOx1, der von Astraze­neca als AZD1222 vertrieben wird, ist es in seltenen Fällen und bevorzugt bei jüngeren Menschen zu einem Anstieg von zerebralen Venen- und Sinusthrombosen gekommen, die mit einer Thrombozytopenie assoziiert waren.

Die Komplikation wird inzwischen als Impfstoff-induzierte thrombotische Thrombozytopenie (VITT) be­zeichnet und als immunologische Reaktion auf einen noch nicht bekannten Inhaltsstoff von AZD1222 gedeutet. Die VITT hat in einigen Ländern wie Deutschland dazu geführt, dass AZD1222 nur noch bei älteren Personen verwendet wird, andere Länder wie Dänemark verzichten ganz auf ihn.

In England wird der Impfstoff weiterhin auch bei jüngeren Menschen eingesetzt. Von den 19,6 Millionen Engländern, die bis zum 24. April eine erste Dosis von AZD1222 erhalten haben, waren 1,6 Mio. jünger als 40 Jahre. BNT162b2 hatten bis zu dem Zeitpunkt 9,5 Mio. Engländer erhalten, davon 1,4 Mio. unter 40 Jahren.

Julia Hippisley-Cox von der Universität Oxford und Mitarbeiter haben jetzt untersucht, ob es nach den Impfungen häufiger zu Thrombozytopenien oder thrombotischen Komplikationen gekommen ist. Sie ver­wendeten die SCCS-Methode („self-controlled case series“), die verschiedene Lebensabschnitte derselben Patienten vergleicht und damit eine häufige Fehlerquelle von Fall-Kontrollstudien vermeidet, die sich aus unterschiedlichen Eigenschaften von Fällen und Kontrollen ergeben kann.

Die Analyse bestätigt, dass es nach der Impfung mit AZD1222 häufiger zu Thrombozytopenien und ve­nö­sen Thrombosen kommt. Für die Zeit von 8 bis 14 Tagen nach der Impfung ermittelt Hippisley-Cox eine relative Inzidenzrate (IRR) von 1,33 auf eine Krankenhauseinweisung oder einen Tod infolge einer Thrombozytopenie, die mit einem 95-%-Konfidenzintervallvon 1,19 bis 1,47 signifikant war.

Für venöse thromboembolische Ereignisse betrug die IRR in der gleichen Zeit 1,10 (1,02 bis 1,18) und für die zerebrale Venen- und Sinusthrombose 4,01 (2,08 bis 7,71). Nach der Diagnose VITT selbst wurde nicht gesucht. Da sie erst im Verlauf der Zeit als neue Entität beschrieben wurde, hätte dies auch wenig Sinn gemacht.

Der Anstieg der Komplikationen nach 8 bis 14 Tagen entspricht den Erfahrungen, die in anderen Ländern mit der VITT gemacht wurden. Die Verzögerung erklärt sich aus der Zeit, die das Immunsystem zur Bil­dung der PF4-Antikörper benötigt, die für die VITT verantwortlich gemacht werden.

Die britischen Behörden haben das Festhalten an AZD1222 mit dem höheren Komplikationsrisiko einer Infektion begründet. Hippisley-Cox hat deshalb auch eine SCCS-Analyse zu Thrombozytopenien und Thrombosen nach der Diagnose einer SARS-CoV-2-Infektion durchgeführt.

Erwartungsgemäß wurde ein deutlich erhöhtes Risiko gefunden. Für die erste Woche nach einem posi­ti­ven PCR-Test betrug die IRR 14,04 (12,08 bis 16,3) für eine Thrombozytopenie und 63,52 (57,80 bis 69,80) für eine venöse Thromboembolie. Zerebrale Venen- und Sinusthrombosen traten mit einer IRR von 12,90 (1,86 bis 89,64) ebenfalls häufiger auf. Die britischen Beobachter dürften sich durch die Ergebnisse in ihrer Einschätzung bestätigt sehen, dass die Nutzen-Risiko-Bilanz für AZD1222 auch hinsichtlich von Thrombozytopenie und venösen Thrombo­sen positiv ausfällt.

Die Impfkommissionen auf dem Kontinent dürften dem entgegenhalten, dass mRMA-Impfstoffe wie BNT162b2 in dieser Hinsicht eine noch bessere Nutzen-Risiko-Bilanz haben. Tatsächlich kam es nach der Impfung mit BNT162b2 zu keinem Anstieg der venösen Thromboembolien.

Hippisley-Cox stieß jedoch auf ein mögliches Sicherheitssignal bei arteriellen Thromboembolien, zu deren Folgen ein Herzinfarkt oder ein Schlaganfall gehören. Für den Zeitraum von 15 bis 21 Tagen nach der Impfung mit BNT162b2 betrug die IRR 1,06 mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 1,01 bis 1,10.

Der Anstieg könnte auf einen Anstieg von Schlaganfällen zurückzuführen sein, für den Hippisley-Cox für den gleichen Zeitraum eine IRR von 1,12 (1,04 bis 1,20) ermittelte. Ob dieses Signal auf eine tatsächliche Impfkomplikation hinweist, dürfte (schon allein wegen der zeitlichen Entfernung zur Impfung) umstritten sein.

Doch auch für BNT162b2 fiele in diesem Fall die Nutzen-Risiko-Bilanz positiv aus, da das Schlaganfall­risiko im Rahmen einer Infektion sehr viel stärker anstieg (IRR 3,94, 3,25 und 2,00 für die erste, zweite und dritte Woche nach dem positiven PCR-Test. © rme/aerzteblatt.de



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