SARS-CoV-2: Serumtherapie kommt bei Intensivpatienten zu spät

Deutsches Ärzteblatt vom Dienstag, 5. Oktober 2021


Eine Behandlung mit dem Plasma von genesenen Personen kann Patienten, die sich wegen einer schweren COVID-19 auf Intensivstation befinden, nicht mehr retten. Zu dieser Erkenntnis, die sich bereits in früheren Studien abgezeichnet hat, kamen jetzt die Initiatoren der REMAP-CAP-Studie, die ihr Unternehmen nach einer Zwischenauswertung wegen fehlender Erfolgsaussichten auf eine Wirkung vor­zeitig abbrachen.

Die Ergebnisse wurden auf der Jahrestagung der European Society of Intensive Care Medicine vorgestellt und im amerikanischen Ärzteblatt (JAMA 2021; DOI: 10.1001/jama.2021.18178) publiziert.

Die REMAP-CAP-Studie („Randomised, Embedded, Multifactorial, Adaptive Platform Trial for Community-Acquired Pneumonia“) war bereits 2016, also vor dem Beginn der Coronapandemie von Intensivmedizi­nern ins Leben gerufen worden, um die Behandlung von ambulant erworbenen Pneumonien („communi­ty-acquired pneumonia“, CAP) zu verbessern.

Da COVID-19 mit einer schweren Pneumonie verbunden ist, wurde der Fokus im vergangenen Jahr auf Infektionen mit SARS-CoV-2 gelegt. Die Studie erkundet seither eine Vielzahl von Behandlungsoptionen bei Intensivpatienten. Dazu gehörte auch die Serumtherapie.

Die Hoffnung, Patienten durch Plasmaspenden von Rekonvaleszenten zu retten, gründete sich auf die guten Erfahrungen, die zuletzt während der Ebola-Epidemie in Westafrika gemacht worden waren. Die Serumtherapie wurde vor allem in den USA aufgegriffen, wo bis März 2021 mehr als 500.000 Patienten in der Regel außerhalb von klinischen Studien behandelt wurden.

Dass die Behandlung die Erwartungen nicht erfüllen kann, hatte sich zuletzt in der britischen RECOVERY-Studie gezeigt, die mehr als 11.000 Klinikpatienten auf eine Serumtherapie oder keine Serumtherapie randomisiert hatte (von denen nur ein Teil auf Intensivstation behandelt wurden). Die Mortalität war in beiden Gruppen mit 24 % gleich.

Zu einem ähnlichen Ergebnis kam die REMAP-CAP-Studie, an der nur Intensivpatienten teilnahmen. Die Sterblichkeitsrate war hier naturgemäß höher. Nach den von einem Team um Lise Estcourt vom John Radcliffe Hospital in Oxford jetzt mitgeteilten Ergebnissen. starben 37,3 % (401 von 1.075 Patienten) der mit Rekonvaleszenten-Plasma behandelten Patienten. In der Vergleichsgruppe ohne Serumtherapie betrug die Sterberate 38,4 % (347 von 904 Patienten).

Auch im primären Endpunkt, den Lebenstagen ohne organunterstützende Therapie, gab es keine Unter­schiede. Die Studie wurde nach einer Zwischenauswertung wegen einer „Futility“-Wahrscheinlichkeit von 96,4 % vorzeitig abgebrochen.

Nach zwei Negativstudien (RECOVERY und REMAP-CAP) dürfte die Serumtherapie auf der Intensivstation keinen Stellenwert mehr haben. Eine Ausnahme könnten Patienten mit einer Immunschwäche sein.

Die 66 immungeschwächten Patienten der REMAP-CAP-Studie, die das Plasma von Rekonvaleszenten er­hielten, erzielten zu 51 % ein besseres Ergebnis im primären Endpunkt als die 60 Patienten der Ver­gleichsgruppe. Die Odds Ratio von 1,51 war mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 0,80 bis 2,92 jedoch nicht signifikant. Außerdem sind Ergebnisse in Subgruppen-Analysen fehleranfällig, weshalb diese Hypothese wohl in weiteren Studien untersucht werden müsste.

Ob es dazu kommt, bleibt abzuwarten. Die derzeitige Studienlage deutet darauf hin, dass eine Serumthe­rapie nur in den ersten Tagen der Erkrankung sinnvoll ist, in denen das Immunsystem der Patienten noch keine eigenen Antikörper gebildet hat. Dies gilt auch für die Behandlung mit Antikörper-Cocktails, die sich ebenfalls nur in der Frühphase als wirksam erwiesen haben.



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