SARS-CoV-2: Patienten stecken Kontaktpersonen schon vor den ersten Symptomen an

Deutsches Ärzteblatt vom Mittwoch, 25. August 2021


Zeitpunkt und Dauer des Kontakts und der Schweregrad der Infektion beim Index-Patienten bestimmen das Infektionsrisiko für Kontaktpersonen. Dies zeigen die Ergebnisse einer Kohor­tenstudie aus China in JAMA Internal Medicine (2021; DOI: 10.1001jamainternmed.2021.4686), nach denen das Ansteckungsrisiko schon 2 Tage vor dem Ausbruch beim Index-Patienten deutlich ansteigt.

Den Gesundheitsbehörden der ostchinesischen Provinz Zhejiang (südlich von Shanghai) ist es nach dem Ende der ersten Welle Ende Februar 2020 gelungen, durch ein Massenscreening, enge Kontaktuntersu­chungen und strenge Quarantäneregeln die weitere Ausbreitung von SARS-CoV-2 zu stoppen. Alle Patienten mit bestätigten Fällen von COVID-19 sowie ihre engen Kontaktpersonen wurden damals isoliert oder unter Quarantäne gestellt. Die täglichen Untersuchungen erlauben rückblickend genauere Einblicke in die Dynamik der Virusübertragungen.

Feng Ling von der obersten Gesundheitsbehörde in der Provinzhauptstadt Hangzhou hat zusammen mit US-Forschern die Daten von 730 Index-Patienten und 8.852 Kontakten ausgewertet. Die häufigsten Kontaktarten waren Unterhaltungen (29,9 %), das Zusammenleben im selben Haushalt (16,7 %) und der gemeinsame Aufenthalt in geschlossenen Räumen ohne direkten Kontakt (15,6 %).

Die meisten Index-Patienten waren nur leicht (46,0 %) oder mittelschwer (42,9 %) erkrankt. Einige asymp­tomatische Index-Patienten (11,1 %) waren bei einem Screening aufgefallen.

Von den 8.852 Kontaktpersonen infizierten sich 327 (3,6 %), von denen 61 (18,7 %) asymptomatisch blieben. Das höchste Ansteckungsrisiko bestand laut den Analysen von Ling im Zeitraum von 2 Tagen vor bis 3 Tage nach dem Symptombeginn beim Index-Patienten. Am häufigsten kam es am ersten Tag der Symptome zur Übertragung des Virus. Ling ermittelt ein adjustiertes relatives Risiko (ARR) von 1,3 (95-%-Konfidenzintervall 1,2 bis 1,5).

Symptomatische Index-Patienten übertrugen das Virus etwa 4-fach häufiger als asymptomatische Pa­tien­ten, wobei das Risiko bei mittelschweren Symptomen (ARR 4,3; 1,9 bis 9,7) kaum höher war, als wenn der Index-Patient nur über leichte Symptome (ARR 4,0; 1,8 bis 9,1) geklagt hatte. Wenn der Index-Patient Symptome zeigte, erkrankten die Kontaktpersonen in der Regel auch an COVID-19. Asymptomatische Verläufe waren dann bei den Kontaktpersonen relativ selten (ARR 0,3).

Die Studie zeigt erneut, dass viele Übertragungen von SARS-CoV-2 erfolgen, bevor der Index-Patient seine Erkrankung bemerkt. Dieser Umstand hat die Bekämpfung von SARS-CoV-2 seit dem Beginn der Pandemie erschwert, so dass Epidemien sich nur durch drastische Maßnahmen zur Kontaktbeschränkung durchbrechen ließen. © rme/aerzteblatt.de

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