SARS-CoV-2: Mathematiker halten Schulöffnungen bei wöchentlichen Schnelltests für effektiv

Deutsches Ärzteblatt vom 9.3.2021

In England sind gestern viele Kinder erstmals nach längerer Zeit wieder in die Schulen zurückgekehrt. Regelmäßige Tests sollen verhindern, dass die Schulen zu Keimzellen einer 3. Welle werden. Mathematiker des Medical Research Council halten die Strategie in einer auf dem Server arXiv (2103.02035v2) vorveröffentlichten Studie für sicher, selbst wenn die verwendeten Lateral-Flow-Tests unzuverlässig sind.

Schulschließungen gehören zu den effektivsten Maßnahmen, um die Reproduktionszahl von SARS-CoV-2 unter 1 zu drücken. Längere Schulschließungen haben jedoch negative Auswirkungen auf die Entwick­lung der Kinder und können deshalb lebenslange Folgen haben. Die britische Regierung hat deshalb die Schulen am 8. März wieder geöffnet. Ausbrüche sollen durch regelmäßigen Schnelltests verhindert werden.


Zum Einsatz kommt der Lateral-Flow-Test, der Antigene des Virus nachweist und innerhalb von 30 Minuten ein Ergebnis liefert. Die Strategie sieht vor, alle Kinder 2 Mal in der Woche zu testen. Die Tests sollen zunächst in der Schule, im weiteren Verlauf von den Eltern zuhause bei ihren Kindern durch­geführt werden. Die britische Regierung hat für den Beginn 57 Millionen Tests an die Schulen ausge­liefert.

Der Lateral-Flow-Test ist schnell, aber ungenau. Dennoch ist es nach den Berechnungen einer Gruppe von Biostatistikern des Medical Research Council an der Universität Cambridge um Kevin Kunzmann die derzeit Erfolg versprechendste Strategie. Die Mathematiker gehen bei ihren Berechnungen davon aus, dass der Anteil der asymptomatischen Infektionen bei den Kindern hoch ist, dass die Übertragung allerdings von der Viruslast abhängt. Mit einer steigenden Viruslast nehmen die Chancen zu, dass der Lateral-Flow-Test einen Verdachtsfall erkennt, der dann innerhalb von 24 Stunden durch einen PCR-Test bestätigt werden soll.

Die Forscher vergleichen in ihren Berechnungen die regelmäßigen Tests mit anderen möglichen Szena­rien. Dazu gehört die „Test & Trace“-Strategie, die nur die engen Kontakte von positiv getesteten Kindern untersucht. Diese ist nach den Berechnungen von Kunzmann am wenigsten dazu geeignet, die Zahl der Infektionen unter den Kindern niedrig zu halten.

Die zweite Strategie ergänzt „Test & Trace“ durch eine Verlängerung des Wochenendes auf 4 Tage. Am Donnerstag und Freitag hätten die Schüler dann Online-Unterricht. Dieser „Mini-Lockdown“ soll die Iden­­­ti­­­fizie­rung von symptomatischen Kindern erleichtern. Da allerdings nur wenige Kinder symptoma­tisch werden, scheitert der Ansatz. Die Zahl der Infektionen wird nach den Berechnungen von Kunzmann nur wenig gesenkt. Dafür schnelle die Zahl der verpassten Schultage steil nach oben.

Bessere Ergebnisse erzielt das wöchentliche Screening. Positiv getestete Kinder (und ihrer unmittelbaren Nachbarn) werden zunächst für 2 Tage nach Hause geschickt, bis das Ergebnis des PCR-Tests vorliegt. Fällt das Ergebnis negativ aus, können die Kinder bereits am Mittwoch wieder am Unterricht teilnehmen. Bei einem positiven Test müssen sie für 10 Tage in Quarantäne.

Diese Strategie kann die Zahl der Infektionen deutlich senken und vermeidet, dass die Kinder zu viele Schultage verlieren. Die erweiterte Strategie, die zweimal die Woche einen Schnelltest vorsieht, bringt nach Einschätzung von Kunzmann nur einen geringen zusätzlichen Nutzen.

Die regelmäßigen Tests sind nach den Berechnungen auch bei einer hohen Reproduktionszahl noch effektiv. Selbst bei einer Reproduktionszahl von 6 (eine sehr ungünstige Annahme) würden die Infek­tionen nicht nach oben schnellen, wenn die Berechnungen von Kunzmann zutreffen.

Auch die Sensitivität des Tests, also der Anteil der richtig erkannten Infektionen, hat bei den regelmäßi­gen Tests nur geringe Auswirkungen auf den Erfolg der Teststrategie. Sie würde nach den Berechnungen von Kunzmann selbst bei einer Sensitivität von nur 40 % noch funktionieren. Die Erklärung liegt in der ungezielten Massenanwendung des Tests. Ein negatives Ergebnis im Schnelltest dürfe allerdings kein Freifahrschein sein. Auch negativ Getestete müssten sich an Maskenpflicht und Distanzregeln halten. Bei Symptomen müssten sie sich vorsorglich isolieren und einem PCR-Test unterziehen, wenn die Gesamt­strategie aufgehen soll. © rme/aerzteblatt.de


/picture alliance, empics, Danny Lawson

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