SARS-CoV-2: Konkreter Impfstart in Hausarztpraxen für April angepeilt

Deutsches Ärzteblatt vom 3.3.2021

Ab Mitte März soll der Rahmen stehen, damit in Hausarztpraxen gegen SARS-CoV-2 geimpft werden kann. Der konkrete flächendeckende Start soll offenbar im April erfolgen. Das geht aus einem Papier zur Runde der heutigen Ministerpräsidentenkonferenz mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hervor, das dem Deutschen Ärzteblatt vorliegt.

Darin heißt es, für April sei der Übergang in die nächste Phase der Nationalen Impfstrategie vorgese­hen. In dieser Phase sollten die haus- und fachärztlichen Praxen, die in der Regelversorgung routinemäßig Schutzimpfungen anbieten, umfassend in die Impfkampagne eingebunden werden. Ob das Datum auch nach den Beschlüssen der Coronarunde Bestand haben wird, ist noch unklar.


Die dazu gehörenden Fragen der Vergütung, der Logistik, der Distribution, der Verfügbarkeit von Impf­zubehör sowie der eigenständigen Datenmeldung an das RKI befänden sich in „letzten Abstimmungen zwischen allen Beteiligten“. Die zur Umsetzung notwendigen Rechtsverordnungen soll das Bundes­minis­terium für Gesundheit im März erlassen.

Klargestellt wird in dem Papier zudem, dass seit Beginn der Impfkampagne auch Betriebsärzte insbe­sondere im Zusammenhang mit mobilen Impfteams organisatorisch einbezogen würden. In einem wei­teren Schritt sollen sie nun im Laufe des zweiten Quartals „verstärkt in die Impfkampagne eingebunden“ werden.

Details zu den geplanten Vergütungen finden sich bereits in einem neuen Ent­wurf einer Impfverordnung aus dem Bundesministerium für Gesundheit (BMG), Stand gestern Mittag, der dem Deutschen Ärzteblatt ebenfalls vorliegt. Die Stellungnah­mefrist für die Verbände dazu läuft derzeit noch. Die Vergütung der beauftragten Arztpraxen soll demnach je Anspruchsberechtigten und je Im­pfung 20 Euro betragen.

Wenn ein Impfbesuch notwendig ist, soll es zuzüglich 35 Euro geben. Für das „Aufsuchen einer weiteren Person in derselben sozialen Gemeinschaft oder Einrichtung“ werden zuzüglich jeweils weitere 15 Euro vergütet.

Die Vergütung für eine ausschließliche Impfberatung zum Coronavirus SARS-CoV-2 ohne nach­folgende Schutzimpfung ist mit zehn Euro veranschlagt. Die Impf­beratung soll auch telefonisch oder im Rahmen eines Videosprechstundenkontaktes erfolgen können.

Ärzte drängen zur Eile

Sowohl die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) als auch weitere Ärzteverbände wie die Haus- und Be­triebs­ärzte fordern seit Wochen, zügig die Arztpraxen in die Impfkampagne einzubeziehen. Das könne die Impfung der Bevölkerung beschleunigen.

„Wenn alle Arztpraxen von Haus- und Fachärzten eine Impfsprechstunde einrichten, können diese bei guter Organisation mindestens zehn Patienten täglich impfen; dann ist das Thema im Sommer durch“, erklärte Dirk Heinrich, Chef des Spitzenverbands der Fachärzte (Spifa). Man rufe alle Ärzte auf, sich bei ihrer Kassenärztlichen Vereinigung zu melden, wenn sie impfen wollten.

Auch die Hausärzte – wie etwa in Sachsen – drängen darauf, Impfungen gegen das Coronavirus in ihren Praxen zu übernehmen. „Es wird schon langsam skandalös, dass Menschen sterben oder schwer erkran­ken werden, weil große Mengen an Impfstoffen zwar vorhanden sind, aber nicht verabreicht werden“, sagte der Landesvorsitzende des Sächsischen Hausärzteverbandes, Steffen Heidenreich.

Da die Impfgeschwindigkeit stark erhöht werden müsse, müssten die Hausarztpraxen schnell der zent­rale Ort des Impfprogramms werden. Dies gelte umso mehr, da sich derzeit die Virus-Mutante B.1.1.7 stark ausbreite.

Auch andere Verbände und Organisationen setzen sich für eine schnellere Impfung durch Hausärzte sowie Betriebsärzte ein. So hat sich der Verband der Technischen Überwachungs-Vereine (TÜV) hat sich für Impfungen durch Betriebsärzte am Arbeitsplatz ausgesprochen.

„Deutschland verfügt mit seinen Betriebsärzten über ein weltweit einmaliges System, um möglichst viele Erwerbstätige innerhalb kurzer Zeit impfen zu können“, so ein Sprecher. Laut einer Umfrage des Verbandes unter 1.200 Personen befürworten zwar 84 Prozent der Befragten eine Impfung bei einem Betriebsarzt, aber nur 17 Prozent würden sich beim Betriebsarzt ihres Arbeitgebers impfen lassen. 55 Prozent vertrauen dabei ihrem Hausarzt.

Auch die Techniker Krankenkasse fordert, dass die Strukturen zur Impfung in den Praxen nun schnell ausgebaut werden müssen. „Damit es in den Praxen im April losgehen kann, müssen nun die gesetzli­chen Voraussetzungen geschaffen werden. Um dies zu erreichen, ist es ganz entscheidend, nun die kurze Zeit zu nutzen, bis mehr Impfstoff da ist als in Zentren verimpft werden kann“, so der Kassenchef Jens Baas. „Dazu gehört, Fragen der Verteilung und der Vergütung zu regeln. Wir müssen eine Situation ver­meiden, in der ausreichend Impfstoff vorhanden ist, aber die Strukturen fehlen, um diesen zu verimpfen."

Merkel dämpfte Erwartungen

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte gestern Abend die Hoffnungen auf eine sehr rasche und breite Anti-Corona-Impfkampagne über die Hausärzte gedämpft. Ab dem 1. April bekomme man deutlich mehr Impfstoff, dann werde man den Umstieg auch auf Hausarztpraxen machen müssen, sagte Merkel in einer Online-Sitzung der Unionsfraktion.

In der aktuellen Phase habe es aber noch keinen Sinn, Hausärzte generell mit einzubeziehen. Es solle allerdings Flexibilität ermöglicht werden, damit jeder Impfstoff verimpft werde. Vor allem beim Impfstoff von Astrazeneca gibt es derzeit einen Überschuss.

In Deutschland gebe es etwa 60.000 Hausarztpraxen, sagte Merkel nach diesen Informationen. Wenn man nun das Signal gebe, dass neben den Impfzentren alle Hausarztpraxen in die Impfungen einbezo­gen würden, bedeute das, dass ein Arzt in der Woche mindestens 100 Impfdosen bekommen müsse. „Sonst rennen ihm ja seine Patienten total die Bude ein“, wurde die Kanzlerin zitiert. Derzeit bekomme man in der Woche jedoch zwischen einer Million und 1,5 Millionen Impfdosen.

Merkel sagte zudem, man sehe, dass der Anteil der Virusvarianten derzeit auf 50 Prozent zugehe. Es wer­de nicht lange dauern, dann sei das Ursprungsvirus verschwunden. Man müsse damit rechnen, dass der Reproduktionsfaktor noch etwas steige, prognostizierte die Kanzlerin. Als Konsequenz würden die Fall­zahlen voraussichtlich leicht und sehr überschaubar steigen.

„Wir brauchen auch die niedergelassenen Ärzte. Wir brauchen auch die Arztpraxen, die uns in Zukunft unterstützen“, sagte der amtierende Vorsitzende der Ministerpräsidentenkonferenz, Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD), heute im ARD-„Morgenmagazin“. Er könne nicht verstehen, warum es nicht längst schon eine Verständigung mit den niedergelassenen Ärzten gebe.

Müller sagte, er erwarte von Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) bei der heutigen Bund-Län­der-Konferenz zu den Absprachen mit Ärzten „harte Aussagen, an denen wir uns orientieren können“. „Nun müssen wir sehen, dass wir mit Augenmaß einen Weg formulieren, in dem man sich wieder mehr Normalität ermöglicht und trotzdem mit Sicherheitsmaßnahmen den ganzen Weg begleitet.“

Spahn (CDU) will unterdessen die Geschwindigkeit bei den Impfungen weiter erhöhen. „Wir haben jetzt fünf Prozent der Deutschen erstgeimpft. Aber klar: Es braucht mehr Tempo“, sagte er im ARD-„Morgenma­gazin“. Dazu solle in den Impfzentren nun mit einem „prinzipiengeleiteten Pragmatismus“ flexibler ent­schieden werden, wer geimpft werden kann. Dabei sollten die Zentren aber weiterhin der festgelegten Einordnung in Impfgruppen folgen.

Spahn verwies zudem darauf, dass der Zeitraum zwischen Erst- und Zweitimpfung beim Impfstoff von Biontech/Pfizer auf sechs Wochen verlängert werden könne, beim Impfstoff von Astrazeneca auf zwölf Wochen. So sollen mehr Menschen schneller eine erste Impfung erhalten. Neuen Studien zufolge wirke das Astrazeneca-Vakzin auch bei Menschen über 65 Jahren sehr gut. Deshalb habe er die Ständige Impfkommission (STIKO) gebeten, ihre Empfehlungen anzupassen. © may/bee/dpa/aerzteblatt.de



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