SARS-CoV-2: Infektionen in England im März auf Rekordniveau – Anstieg in höheren Altersgruppen

Deutsches Ärzteblatt vom Mittwoch, 6.4.2022


Entgegen den offiziellen Zahlen, die einen schwächeren 2. Gipfel der Omikron-Epidemie aus­weisen, sind die Infektionszahlen in der jüngsten, vermutlich letzten Runde der REACT-1-Studie im März deutlich angestiegen. Die Forscher führen dies auf eine Zunahme der Mobilität in der Bevölkerung und die Aufhebung der Restriktionen zurück. Die Bedeutung neuer Mischvarianten aus BA.1 und BA.2 ist noch unklar.

Nach Angaben der obersten Gesundheitsbehörde Public Health England (PHE) hat die Omikron-Welle bereits am 1. Januar mit 181.179 Infektionen den Höhepunkt erreicht. Der 2. Gipfel, der durch die Varian­te BA.2 ausgelöst wurde, fiel am 21. März mit 109.224 Infektionen deutlich geringer aus. Die offiziellen Zahlen zeigen jedoch auch, das die Zahl der täglichen Tests im gleichen Zeitraum von etwa 2 Mio. auf 825.000 zurückgegangen ist.

Dies legt den Verdacht nahe, dass längst nicht alle Infektionen erkannt wurden. Hinzu kommt, dass am 24. Februar im Rahmen des „Living with COVID“-Plans die meisten Restriktionen aufgehoben wurden. Die Selbstisolierung ist jetzt freiwillig und dürfte, da es keine finanziellen Entschädigungen gibt, häufig nicht eingehalten werden. Experten befürchten deshalb, dass es zu einem Anstieg der Infektionen kommt. Die jetzt vom Imperial College London vorgestellten Ergebnisse der REACT-1-Studie bestätigen dies.

Forscher des Imperial College London bitten seit Mai 2020 in regelmäßigen Abständen eine repräsen­tative Stichprobe von Einwohnern über 5 Jahre, einen selbst durchgeführten Abstrich aus Nase oder Rachen zurückzuschicken. Die jüngste Runde basiert auf fast 110.000 Tests aus der Zeit zwischen dem 8. und 31. März. Wie das Team um Paul Elliott mitteilt, waren in diesem Zeitraum 6,37 % der Bevölkerung mit SARS-CoV-2 infiziert (oder etwa 1 von 16 Personen).

Die Prävalenz ist damit mehr als doppelt so hoch wie in der vorangegangenen Untersuchung im Januar, als 2,88 % der Tests positiv waren. Auch die Tendenz der Infektionen wies mit einem R-Wert von 1,07 (95-%-Konfidenzintervall 1,06-1,09) nach oben. Ein Ende der Welle ist demnach in England noch nicht abzu­sehen.

Am stärksten steigen die Infektionszahlen in der Gruppe der über 55-Jährigen mit einem R-Wert von 1,12 (1,06-1,14). Dort lag die Prävalenz im März bei 8,31 %. Noch höher war sie bei den 5- bis 11-Jährigen mit 8,81 %. Die jüngsten Trends zeigen jedoch, dass sich die Zunahme der Neuinfektionen in den jüngeren Altersgruppen im Alter von 5 bis 54 Jahren verlangsamt hat oder sogar sinkt.

Die Epidemie wird eindeutig von der Omikron-Variante BA.2 getragen. Der Anteil betrug am 22. März 94,7 % und war damit doppelt so hoch wie einen Monat zuvor (47,2 % am 19. Februar). Im Januar waren erst 0,8 % der Infektionen auf BA.2 zurückzuführen. Es wurde auch eine sehr kleine Anzahl rekombi­nanter Omikron-Varianten entdeckt („XE“ in 5 Proben und „XL“ in 3 Proben). Diese Varianten sind vermut­lich bei Personen entstanden, die gleichzeitig mit BA.1 und BA.2 infiziert waren.

Über die klinischen Manifestationen der neuen Varianten ist derzeit wenig bekannt. Das jüngste 39. „Technical Briefing“ der PHE stuft die Wachstumsrate von „XE“ um 9,8 % höher ein als von BA.2. Bei der geringen Zahl der Infektionen ist dies allerdings noch eine unsichere Einschätzung.

Elliott führt den Anstieg der Infektionszahlen auf die Zunahme der Mobilität in der Bevölkerung zurück. Bei iPhone-Nutzern haben die Anfragen zur Routenführung seit dem 13. Januar um 42 % zugenommen (Deutschland +39 %, USA +61 %).

Auch das Aufheben der Restriktionen könnte an der Zunahme beteiligt sein. Seit dem 1. April sind in England auch die Antigen- und PCR-Tests nicht mehr kostenlos. Die Diskrepanz zwischen den gemel­deten und den tatsächlichen Fällen dürfte dadurch weiter zunehmen. Da die REACT-1-Studie vermutlich nicht fortgesetzt wird, wird es keine sicheren Zahlen zum weiteren Verlauf der Epidemie in England geben.

Internationale Beobachter befürchten, dass mit den Tests auch die Sequenzierungen zurückgehen. Weil Großbritannien in diesem Bereich weltweit führend war, könnten neue Varianten von SARS-CoV-2 in Zukunft erst verspätet entdeckt werden.


/Dan74, stock.adobe.com

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