SARS-CoV-2-Impfung wirkt bei Patienten mit Immun­schwächekrankheiten schwächer

Deutsches Ärzteblatt vom Donnerstag, 26. August 2021

Eine Impfung gegen SARS-CoV-2 führt bei Patienten, die infolge einer Erkrankung oder durch deren Behandlung ein geschwächtes Immunsystem haben, zwar in den meisten Fällen zu einer Serokon­version. Die Antikörperantwort fiel in einer laufenden Beobachtungsstudie jedoch häufig schwächer aus als bei gesunden Personen, wie die im Preprint-Server des Lancet(2021; DOI: 10.2139/ssrn.3910058) publizierten Ergebnisse zeigen.

Die britische OCTAVE-Studie („Observational Cohort Trial-T-cells Antibodies and Vaccine Efficacy in SARS-CoV-2“) untersucht derzeit die immunologische Reaktion auf die Impfung gegen SARS-CoV-2 bei Patienten, die krankheits- oder behandlungsbedingt ein geschwächtes Immunsystem haben.

Ein Team um Carl Goodyear von der Universität Glasgowhat jetzt die Daten der ersten 600 Patienten der auf 3.250 Teilnehmer angelegten Studie untersucht. Darunter waren Patienten mit entzündlicher Arthri­tis (IA), rheumatoider Arthritis (RA) und psoriatischer Arthritis (PsA), außerdem Patienten mit ANCA-assoziierter Vaskulitis (AAV), entzündlichen Darmerkrankungen (IBD), Lebererkrankungen (HepD), dialysepflichtige Patienten mit chronischem Nierenversagen (HD), von denen einige immunsuppri­mierende Medikamente einnahmen (HD-IS).

Weitere Patienten litten unter soliden Krebserkrankungen (SC) oder hämatologischen Malignomen (HM), und einige hatten sich einer hämatopoetischen Stammzelltransplantation (HSCT) unterzogen.

Die gute Nachricht ist, dass es bei 89 % der Patienten zumindest nach der 2. Dosis zu einer Serokon­version kam (die in der Vergleichsstudie PITCH bei allen gesunden Geimpften beobachtet wurde). Es gab allerdings Ausnahmen. Von den 29 AAV-Patienten bildeten nur 8 Antikörper.

Den Grund vermutet Goodyear in der Behandlung mit Rituximab, die bei der ANCA-assoziierten Vaskulitis Standard ist. Rituximab führt zur Zerstörung von B-Zellen, was den Krankheitsprozess stoppen kann, aber eben auch die Bildung von Antikörpern nach Impfungen verhindert. Auch in der HD-IS-Gruppe blieb die Serokonversion bei 2 von 10 Patienten aus, ebenso bei 5 von 42 HSCT-Patienten. Auch hier dürfte die fehlende Immunreaktion Folge der (notwendigen) Behandlung sein.

Eine Serokonversion allein ist noch kein Garant für einen Immunschutz. Das genaue immunologische Korrelat für eine wirksame Impfung gegen SARS-CoV-2 ist zwar noch nicht bekannt, eine ausreichende Antikörperkonzentration ist jedoch eine biologisch plausible Voraussetzung. Die Forscher haben die Antikörpertiter mit der PITCH-Studie verglichen.

Ergebnis: Die immungeschwächten Patienten der OCTAVE-Studie erreichten nur selten die Titer der gesunden Probanden. Bei 87 % der AAV-Patienten, bei 51 % der IA-Patienten, bei 20 % der HD-Patienten, bei 42 % der HD-IS-Patienten, bei 36 % der HepD-Patienten, bei 10 % der SC-Patienten, bei 33 % der HM-Patienten und bei 17 % der HSCT-Patienten lagen die Antikörpertiter unter den niedrigsten in der PITCH-Studie erreichten Titern (380 E/ml nach der 2. Impfstoffdosis). Goodyear befürchtet deshalb, dass auch nach der 2. Dosis nicht alle Patienten der OCTAVE-Studie ausreichend vor COVID-19 geschützt sind, auch wenn die Untersuchungen zur zellulären Immunabwehr günstiger ausfielen.

Die Forscher verwendeten einen T-Spot-Test, der die Reaktion von T-Zellen auf Antigene von SARS-CoV-2 untersucht. Bei einigen Patienten (IA, HepD, IBD) fiel die Reaktion der T-Zellen schwächer aus als bei den gesunden Probanden der PITCH-Studie. Bei anderen gab es keinen Abfall.

Interessanterweise erzielten die Patienten mit ANCA-assoziierter Vaskulitis, die häufig keine Antikörper bildeten, im T-Spot-Test teilweise bessere Ergebnisse als die Gesunden. Auch beim T-Spot-Test ist nicht bekannt, was die Ergebnisse am Ende über die Schutzwirkung der Impfung aussagen. Unklar ist auch, ob die Patienten von einer 3. Dosis profitieren würden, wie dies für Organtransplantierte gezeigt werden konnte. © rme/aerzteblatt.de


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