SARS-CoV-2-Impfung auch bei Allergikern meistens sicher

Deutsches Ärzteblatt vom Mittwoch, 1. September 2021


Nur wenige Allergiker haben ein erhöhtes Risiko auf eine allergische Impfreaktion. In Israel hat sich ein einfacher Algorithmus bewährt, der in 2 Stufen klärt, ob Menschen mit Allergien ihren Coronaimpfstoff unter erhöhten Sicherheitsvorkehrungen erhalten oder besser gar nicht geimpft werden sollten. Eine Studie in JAMA Network Open (2021; 4: e2122255) stellt die Erfahrungen eines Impfzentrums vor.

Die Angst vor schweren Komplikationen ist für viele Menschen ein wichtiger Grund, auf Impfungen zu verzichten. In einer Gallup-Umfrage vom Juni nannten 10 % der US-Amerikaner, die sich nicht gegen SARS-CoV-2 impfen lassen wollen, Allergien oder die Angst vor Allergien als Beweggrund. Die Sorgen von Allergikern machten sich zu Beginn der Impfkampagne auch in Israel bemerkbar. Nachdem sich die Anfragen von besorgten Patienten und auch Ärzten häuften, entwarf ein Team um Nancy Agmon-Levin, einer Expertin für allergische Erkrankungen am Center for Autoimmune Diseases des Sheba Medical Center in Tel HaShomer, einen Algorithmus Im ersten Schritt wurde eine erste Gruppe pauschal als nicht gefährdet eingestuft. Dazu gehörten Personen mit einer Sensitivität auf Aeroallergene oder Insektenstiche (einschließlich Patienten, die eine Immuntherapie gegen diese Allergene erhielten).

Auch eine Sensitivität auf Nahrungsmittel, Latex oder Kontrastmittel schätzten die klinischen Immuno­logen als nicht gefährdet ein, ebenso Personen mit Urtikaria sowie solche, die nach der Einahme ein­zelner Arzneimittel eine nicht-anaphylaktische Reaktion erlitten hatten. Patienten, die eine Immunthe­rapie oder eine biologische Therapie erhielten, wurden angewiesen, diese Behandlung um mindestens 1 Woche nach der Immunisierung mit dem BNT162b2-Impfstoff zu verschieben, der in Israel eingesetzt wurde.

Auf diese Gruppe entfielen 6.883 von 8.102 Personen, die sich wegen ihrer Sorgen an das Sheba Medical Center gewandt hatten (oder vom Hausarzt oder Allergologen überwiesen wurden). Die übrigen 1.219 Personen wurden gebeten, einen speziellen Fragebogen auszufüllen. Nach dieser Befragung wurden 785 Personen als nicht gefährdet eingestuft. Insgesamt 429 Personen wurden als Hoch-Risiko-Gruppe eingestuft. Ihnen wurde zu einer Impfung im Zentrum geraten – mit einer verlängerten Beobachtungszeit von 2 Stunden. Nur 5 Personen wurde von einer Impfung abgeraten

Die 429 Personen der Hochrisikogruppe waren zu 70,9 % weiblich. Das mittlere Alter war 52 Jahre. In der Gruppe hatten 63,2 % mehrere Allergien in der Vorgeschichte, 30,3 % mehrere Allergien, 32,9 % mehrere Arzneimittelallergien, 22,1 % trugen wegen früherer anaphylaktischer Reaktionen ein Adrenalin-Notfall­set bei sich, 15,9 % litten unter Nahrungsmittelallergien und 14,5 % nahmen regelmäßig Antihistaminika ein.

Von den 5 Personen, denen von der Impfung abgeraten worden war, hatten 2 eine bekannte Sensibilität gegen Polyethylenglykol (PEG), das im verwendeten Impfstoff enthalten ist. Die anderen 3 Personen hatten eine Vorgeschichte mit mehreren anaphylaktischen Reaktionen auf verschiedene injizierbare Medikamente.

Bei den 429 Personen der Hochrisiko-Gruppe verliefen die Impfungen in den meisten Fällen problemlos. Nur bei 9 Frauen (2,1 %) kam s zu einer allergischen Reaktion: Bei 6 Frauen (1,4 %) war diese eine leich­te allergische Sofortreaktion mit Hautausschlag oder -rötung, Schwellung der Zunge oder des Zäpfchens sowie Husten, die während des Beobachtungszeitraums unter einer Antihistaminika-Behandlung ab­klangen.

Bei 3 Patienten (0,7 %) kam es zu einer anaphylaktischen Reaktion. Sie trat innerhalb von 10 bis 20 Mi­nu­ten nach der Impfung auf und umfasste bei allen 3 Patienten Bronchospasmus, Hautausschlag, Juck­reiz und Kurzatmigkeit. Bei 2 Patienten kam es zusätzlich zu einem Angioödem, bei 1 Patient zu Magen-Darm-Beschwerden. Die Patienten wurden mit Adrenalin, Antihistaminika und einem inhalativen Bronchodilatator behandelt, 1 Patient erhielt zusätzlich systemische Glukokortikoide. Die Symptome gingen innerhalb von 2 bis 6 Stunden zurück und kein Patient musste ins Krankenhaus eingeliefert werden.

Alle 9 Patienten wurden in den folgenden 2 Wochen zu einer Nachuntersuchung eingeladen: Laut Agmon-Levin berichtete keiner über wiederkehrende oder anhaltende allergische Symptome.

Von den 9 Patienten hatten 2 eine multiple Arzneimittelallergie in der Vorschickte, ein 3. Patient litt unter einer bekannten Nahrungsmittelallergie mit Anaphylaxie und Asthma. Diese 3 Patienten erhielten keine 2. Dosis des Impfstoffs.

Den übrigen Personen wurde eine 2. Dosis erlaubt, die 218 auch unter Aufsicht erhielten: Bei 214 Personen (98,2%) kam es zu keiner allergischen Reaktion. Die anderen 4 Personen (1,8 %) erlitten leichte allergische Reaktionen: 3 Patienten entwickelten einen Hautrötung („Flush“) und 1 Patient einen „Flush“ mit Husten, die auf die Behandlung mit Antihistaminika und Bronchodilatatoren ansprachen.

Bei 3 der 4 Patienten war es nach der 1. Dosis zu leichten Reaktionen gekommen. Sie hatten deshalb vor der 2. Dosis eine Prämedikation (beispielsweise Antihistaminikum und Bronchodilatatoren) erhalten, der 4. Patient hatte bei der 1. Impfung keine Reaktion gezeigt.

Agmon-Levin hält es aufgrund der Erfahrungen für möglich, die meisten Allergiker zu impfen, wenn Personen mit einem erhöhten Risiko über 2 Stunden nachbeobachtet werden.


3 Ansichten0 Kommentare

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen