SARS-CoV-2: Impfstoffe gegen indische Variante B.1.617.2 wohl etwas schwächer wirksam

Deutsches Ärzteblatt vom Dienstag, 25. Mai 2021

Die Impfstoffe von Biontech/Pfizer und AstraZeneca erzielen laut den Ergebnissen einer Test-negativen Fall-Kontroll-Studie von Public Health England nach der 1. Dosis nur eine verminderte Schutz­­wirkung gegen die indische Variante B.1.617.2 von SARS-CoV-2, die in England zu einem Anstieg der sogenannten S-positiven Infektionen geführt hat. Nach der 2. Dosis steigt die Immunität offenbar an, sie könnte jedoch etwas schwächer ausfallen als gegen die britische Variante B.1.1.7. Die Mathematiker des Juniper-Konsortiums („Joint UNIversities Pandemic and Epidemiological Research“), das für die Regierung die Entwicklung der Pandemie beobachtet, registriert seit Ende März einen Anstieg der S-Positivität in England. Gemeint sind PCR-Abstriche, bei denen der Nachweis des S-Proteins wieder positiv ausfällt.

Die in England verwendeten PCR-Tests spüren drei Genregionen von SARS-CoV-2 (Gene für Orf-1ab, N Protein und S Protein) auf. Lange Zeit wurden bei den Infizierten alle 3 Targets nachgewiesen. Seit letzt­en Dezember kam es zunehmend häufiger zu isolierten negativen Ergebnissen im Target für das S-Gen.

Wie sich bald herausstellte, war dies ein Hinweis auf die Variante B.1.1.7, die bald das Infektions­geschehen in England dominieren sollte (und sich mittlerweile auch in anderen Staaten ausgebreitet hat). Bei der indischen Variante B.1.617.2 fällt der Nachweis im S-Target wieder positiv aus. Die Zunahme der S-Positivität ist deshalb ein Hinweis für die Ausbreitung von B.1.617.2. Das Juniper-Konsortium vermu­tet, dass B.1.617.2 in absehbarer Zeit B.1.1.7 verdrängen könnte.

Ein Grund könnte eine erhöhte Infektiosität sein, ein anderer – wesentlich unangenehmerer – wäre eine fehlende Schutzwirkung der Impfstoffe. Die Gesundheitsbehörde Public Health England hat deshalb eine Test-negative Fall-Kontroll-Studie durchgeführt

Jamie Lopez Bernal und Mitarbeiter verglichen den Impfstatus von Personen, die mit möglichen Sympto­men von COVID-19 erkrankt waren. Die Fälle bestanden aus Patienten, bei denen eine Infektion mit SARS-CoV-2 nachgewiesen wurde. Kontrollen waren symptomatische Personen, bei denen der Test auf SARS-CoV-2 negativ ausfiel.

Die Studie ergab, dass die Impfstoffwirksamkeit gegen B.1.617.2 tatsächlich eingeschränkt ist. Dies gilt vor allem für Personen, die noch nicht vollständig geimpft sind. 3 Wochen nach der 1. Dosis erzielten beide Impfstoffe nur eine Schutzwirkung gegen B.1.617.2 von etwa 33 %. Das ist weniger als gegen B.1.1.7: Der Biontech-Impfstoff BNT162b2 erreicht hier eine Schutzwirkung von 49,2 % und der Astrazeneca-Impfstoff ChAdOx1 von 51,4 %.

2 Wochen nach der 2. Dosis stieg die Wirksamkeit von BNT162b2 gegen B.1.617.2 auf 87,9% (95-%-Konfidenzintervall 78,2 % bis 93,2 %) an im Vergleich zu 93,4 % gegen B.1.1.7. Die Schutzwirkung einer vollständigen Impfung mit BNT162b2 scheint damit weitgehend erhalten zu bleiben.

Die Wirkungsamkeit von ChAdOx1 ist offenbar schwächer. 2 Wochen nach der 2. Dosis betrug die Schutz­wirkung gegen B.1.617.2 erst 59,8 % (28,9 % bis 77,3 %) gegenüber einer Schutzwirkung von 66,1 % gegen B.1.1.7. Das weite 95-%-Konfidenzintervall ergibt sich aus der geringen Zahl der Personen, die die 2. Impfdosis von ChAdOx1 erhalten haben. Der Impfstoff wurde später eingeführt und sein Dosierungs­intervall ist länger.

Bernal geht aufgrund der Ergebnisse davon aus, dass die Impfstoffwirkung gegen COVID-19 erhalten bleibt, aber um etwa 20 % abgeschwächt ist. Wie stark die Schutzwirkung vor schweren Erkrankungen (mit Hospitalisierung und Intensivpflege) oder vor einem tödlichen Verlauf ist, lasse sich aufgrund der geringen Fallzahl derzeit noch nicht beurteilen.

Großbritannien hat dank der Impfungen (und eines harten Lockdowns) die letzten Krankheitswelle überwunden. Die Inzidenz lag zuletzt bei 22,5/100.000. In der letzten Woche ist es einen leichten Anstieg der Infektionen um 11,3 % gekommen Ob sich hier eine neue Welle durch B.1.617.2 ankündigt, ist derzeit offen. Der Anteil der Erwachsenen, die beide Dosen der Impfung erhalten haben, betrug am 22. Mai 43,0%. © rme/aerzteblatt.de


/Dana.S, stock.adobe.com


6 Ansichten0 Kommentare

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen