SARS-CoV-2: Immunsuppression verhindert Impfstoffwirkung bei Organempfängern

Deutsches Ärzteblatt vom Donnerstag, 25. März 2021

Die medikamentöse Immunsuppression, die nach allen Organtransplantationen lebenslang erforderlich ist, kann die Wirksamkeit einer Impfung gegen SARS-CoV-2 deutlich abschwäch­en. In einer US-Kohortenstudie im amerikanischen Ärzteblatt (JAMA 2021; DOI: 10.1001/jama.2021.4385) kam es bei weniger als 1/5 der Patienten zur Bildung von Antikörpern.

Bei Patienten mit chronischen entzündlichen Erkrankungen, die mit Biologika oder anderen Basisthera­peutika behandelt werden, gibt es nach den Erfahrungen eines deutschen Exzellenzclusters in BMJ Annals of the Rheumatic Diseases (2021; DOI: 10.1093/bjs/znab101) offenbar keine Probleme.

Zur Wirksamkeit von Impfungen bei Organtransplantierten gibt es nur wenige sichere Daten, da diese Patienten von der Teilnahme an klinischen Studien ausgeschlossen werden. Da die Organtransplan­tierten jedoch wegen der Immunsuppression bei einer Infektion mit SARS-CoV-2 ein hohes Risiko auf einen schweren Verlauf von COVID-19 haben, werden sie bevorzugt geimpft.

Ein Team um Dorry Segev von Johns Hopkins Medicine in Baltimore hat über die sozialen Medien 436 Organtransplantierte für eine Kohortenstudie rekrutieren können. Die Patienten hatten zwischen dem 16. Dezember und dem 5. Februar die erste Dosis des mRNA-Impfstoffs (BNT162b2 von Biontech/Pfizer oder mRNA-1273 von Moderna) erhalten. Sie waren im Mittel 55,9 Jahre alt, und die Organtransplantation lag im Mittel 6,2 Jahre zurück.

Die Blutentnahmen erfolgten median 20 Tage nach der Impfung. Bei gesunden Personen sind zu diesem Zeitpunkt in der Regel Antikörper gegen SARS-CoV-2 nachweisbar. Bei den Organtransplantierten war dies nur bei 76 Patienten (17 %) der Fall.

Am niedrigsten war die Serokonversionsrate bei den 320 Transplantatempfängern, bei denen zur Immun­suppression Antimetabolite (Zytostatika) eingesetzt wurden. In dieser Gruppe entwickelten nur 28 Patienten (8,75 %) eine Antikörperantwort. Von den 116 Organtransplantierten, die keine Antimetabolite erhielten, erreichten immerhin 48 Patienten (41,4 %) einen möglichen Immunschutz (die Studie hat nicht untersucht, ob die Antikörper die Viren neutralisieren und es wurden keine Tests an T-Zellen durchge­führt). Segev ermittelt eine adjustierte relative Inzidenzrate IRR von 0,22 (95-Konfidenzintervall (0,15 bis 0,34).

Ältere Organtransplantierte waren weniger gut geschützt (adjustierte IRR 0,83; 0,73 bis 0,93 pro 10 Jahre). Die Erfolgsquote betrug nach der Impfung mit mRNA-1273 25,5 % gegenüber nur 10,3 % nach der Impfung mit BNT162b2 (adjustierte IRR 2,15; 1,29 bis 3,57). Die Ursache für den Unterschied zwischen den beiden Vakzinen ist nicht bekannt.

Eine weitere Gruppe, die regelmäßig mit (wenn auch deutlich schwächeren) immunsupprimierenden Medikamenten behandelt wird, sind Patienten mit Autoimmunerkrankungen, zur denen rheumatische Erkrankungen, Psoriasis oder chronisch-entzündliche Darm­er­krank­ungen gehören. Hier werden Biologika oder andere Basistherapeutika eingesetzt, die das Immunsystem dämpfen.

In schweren Fällen werden auch Steroide verordnet. Da die Medikamente das Infektionsrisiko erhöhen, gehören die Patienten in Deutschland zur Prioritätsgruppe 1, die bevorzugt gegen SARS-CoV-2 geimpft wird. Patienten mit Autoimmunerkrankungen wurden ähnlich wie Organtransplantierte von den Impf­stoffstudien ausgeschlossen, weshalb auch bei ihnen der Impferfolg unbekannt ist.

Die immunsupprimierende Wirkung der Biologika ist jedoch deutlich schwächer als bei den Medika­menten, die Organtransplantierte einnehmen. Dies könnte erklären, warum das Exzellenzzentrum für Entzündungsmedizin am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein in Kiel bisher gute Erfahrungen mit den Impfungen gegen SARS-CoV-2 gemacht hat. Wie das Team um Prof. Bimba Hoyer berichtet, wurde die Impfung von den ersten 26 Patienten gut vertragen: 21 Patienten waren mit BNT162b2 und 5 mit mRNA-1273 geimpft worden.

Bereits 7 Tage nach der 2. Dosis wurden IgG-Titer von im Mittel 2.053 BAU/ml („Binding Antibody Units“) erzielt. Die Impfantwort war damit zwar deutlich schwächer als in einer Kontrollgruppe von 42 gesun­den Personen, bei denen die Titer auf 2.685 BAU/ml anstiegen.

Die Werte lagen bei den Patienten laut Hoyer jedoch über einem Schwellenwert, der einen guten Impf­schutz erwarten lässt. Die etwas niedrigere Impfantwort könnte nach Einschätzung der Expertin mit dem höheren Alter der Patienten von 50,5 Jahren gegenüber 37,5 Jahren in der Kontrollgruppe zusammen­hängen. © rme/aerzteblatt.de


/picture alliance, NurPhoto

0 Ansichten0 Kommentare

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen