SARS-CoV-2: Genesene benötigen vermutlich 2. Impfdosis zum Schutz vor Varianten

Deutsches Ärzteblatt vom Mittwoch, 11. August 2021

Die 2. Dosis eines mRNA-Impfstoffs hat in einer Laborstudie die Antikörperantwort von Genesenen weiter verstärkt und die Schutzwirkung gegen die Varianten Beta und Gamma verbessert. Die in Science Translational Medicine (2021; DOI: 10.1126/scitranslmed.abj0847) veröffentlichten Ergebnisse sprechen dafür, dass Genesene sich 2 Mal impfen lassen sollten.

Die PANTHER-Studie („PANdemic Tracking of Healthcare woRkers“) begleitet seit April des vergangenen Jahres 45 Angestellte aus 2 Kliniken in Birmingham, die wegen ihrer Patientenkontakte ein erhöhtes Risiko hatten, sich mit SARS-CoV-2 zu infizieren. Sie gehörten deshalb zu den ersten, die ab Dezember mit dem Impf­stoff BNT162b2 von Biontech/Pfizer geimpft wurden.

20 waren bereits vor der Impfung an COVID-19 erkrankt, die anderen 25 nicht. Alle erhielten beide Dosen des mRNA-Impfstoffs. Bei den Teilnehmern mit früherer Infektion war die 2. Dosis bereits der 3. Kontakt mit dem Virusantigen und damit der 2. Booster.

Die jetzt von einem Team um Benjamin Ollivere von der Universität Nottingham vorgestellten Ergebnis­se zeigen, dass der mRNA-Impfstoff bei den Genesenen bereits nach der 1. Dosis eine gute Antikörper­ant­­­­wort gegen den Wildtyp erzielt, die nach der 2. Dosis nicht wesentlich verstärkt wird. Die Teilnehmer ohne frühere Infektion benötigten dagegen beide Impfdosen für einen ausreichenden Immunschutz.

Diese Ergebnisse entsprachen den Erwartungen, nach denen die 1. Impfdosis für Genesene als 2. Kontakt mit den Virusantigenen eine ausreichende Boosterwirkung erzielt – soweit sie mit dem Wildtyp infiziert waren, der inzwischen jedoch von den anderen Varianten verdrängt wurde.

Relevanter für die derzeitige Situation sind deshalb die Ergebnisse zu den Varianten Beta und Gamma (Leider wurde die derzeit dominierende Variante Delta in der Studie nicht untersucht).

Die Immunantwort gegen Beta und Gamma fiel nach der 1. Impfdosis schwach aus. Auch die Personen mit früherer SARS-CoV-2-Infektion erreichten nur geringe Titer von neutralisierenden Antikörpern. Eine Boosterwirkung blieb in dieser Gruppe vermutlich aus, weil die Infektion zur Bildung von Antikörpern geführt hatte, die Beta und Gamma nicht erkannten.

Die 2. Dosis verstärkte dann die Antikörperreaktion deutlich. Der Immunschutz erreichte ein Niveau wie gegen den ursprünglichen SARS-CoV-2-Stamm. Auch ein Impfstoff, der gegen den Wildtyp entwickelt wurde, könnte nach den Ergebnissen der Studie in der Lage sein, vor einer Infektion mit den neuen Varianten zu schützen.

Ollivere kann zeigen, dass diese Schutzwirkung auf Antikörpern beruht, die nicht gegen die Rezeptor­bindungsstelle gerichtet sind, die sich bei den Varianten verändert hat. Vielmehr scheint die 2. Dosis die Breite des Antikörperschutzes zu vergrößern.

Die Antikörper greifen unterschiedliche Regionen auch außerhalb der Rezeptorbindungsstellen an. Die Ergebnisse bedeuten, dass auch Genesene vermutlich beide Dosierungen des Impfstoffs benötigen, um sich vor einer Infektion mit den besorgniserregenden Varianten oder wenigstens vor einem schweren Verlauf von COVID-19 zu schützen.

Da die Studie nur auf Labortests an einer überschaubaren Zahl von Probanden beruht, ist die Aussage­kraft natürlich begrenzt. Die Analyse beschränkt sich allein auf die Antikörperantwort. Die Reaktion der zellulären Immunabwehr, die die Antikörperbildung unterstützt und infizierte Zellen beseitigt, wurde nicht untersucht. © rme/aerzteblatt.de

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