SARS-CoV-2: Europäischer Impfstoff aus inaktivierten Viren besteht Phase-3-Test

Deutsches Ärzteblatt vom Montag, 18. Oktober 2021


Der erste Coronaimpfstoff aus inaktivierten Viren, der in Europa entwickelt und klinisch getestet wurde, hat in einer Phase-3-Studie eine bessere Immunität und Verträglichkeit er­zielt als die Vakzine AZD1222 von Astrazeneca. Der österreichisch-französische Hersteller Valneva darf aufgrund der Ergebnisse mit einer baldigen Zulassung rechnen, die in Großbritannien bereits beantragt wurde.

VLA2001 besteht aus inaktivierten Viren, die in Vero-Zellen vermehrt und dann chemisch inaktiviert werden. Solche Totimpfstoffe haben den Vorteil, das sie dem Immunsystem sämtliche Antigene des Virus präsentieren (sofern diese nicht durch die Inaktivierung chemisch verändert wurden). Sie sind jedoch häufig schwächer wirksam, weshalb sie in der Regel mit Adjuvanzien versehen werden (die potenziell die Verträglichkeit herabsetzen).


Valneva konnte bei der Herstellung von AZD1222 auf die Technologie zur Produktion ihres Impfstoffes Ixiaro gegen die japanische Enzephalitis zurückgreifen, der ebenfalls in Vero-Zellen hergestellt wird. Als Adjuvanzien wurden VLA2001 Alaun und CpG 1018 zugesetzt.

Alaun besteht aus Aluminiumhydroxid und ist ein älteres Mittel zur Impfstoffverstärkung. CpG 1018 ist eine Entwicklung des Herstellers Dynavax Technologies aus Claymont/Delaware. Es handelt sich um einen Toll-like-Rezeptor-9-Agonisten, der bereits in dem zugelassenen Hepatitis B-Impfstoff Hep­lisav B enthalten ist.

Die ersten klinischen Studien wurden im Dezember vergangenen Jahres in Großbritannien begonnen. Jetzt liegen Ergebnisse einer Phase-3-Studie vor, in der VLA2001-301 mit dem Impfstoff AZD1222 von Astrazeneca verglichen wurde (eine Placebo-Gruppe verbot sich aus ethischen Gründen).

An der Studie nahmen an 26 britischen Zentren 4.012 Erwachsene und 660 Jugendliche teil. Die Teilneh­mer im Alter von über 30 Jahren wurden im Verhältnis 2 zu 1 auf eine Impfung mit den beiden Vakzinen randomisiert. Beide Gruppen erhielten 2 Impfstoffdosen im Abstand von 28 Tagen. Alle unter 30 Jahre alten Teilnehmer wurden mit VLA2001 geimpft.

Die beiden primären Endpunkte waren einmal die Immunogenität, gemessen als geometrischer Mittel­wert des Titers (GMT) von SARS-CoV-2-spezifischen neutralisierenden Antikörpern, und zum zweiten die Verträglichkeit. Die Immunogenitätsanalysen beschränkten sich auf 990 Teilnehmer (492 geimpft mit VLA2001, 498 geimpft mit AZD1222), die vor der Impfung seronegativ auf SARS-CoV-2 getestet worden waren.

Nach Angaben des Herstellers erzielte VLA2001 die bessere Wirkung: 2 Wochen nach der 2. Dosis von VLA2001 betrug der GMT 803,5 (95-%-Konfidenzintervall 748,48 bis 862,59) gegenüber 576,6 (543,6 bis 611,7) nach der Gabe von AZD1222. Da sich die 95-%-Konfidenzintervalle nicht überlappen, erzielte VLA2001 eine signifikant bessere Immunogenität (GMT-Ratio 1,39). In beiden Gruppen lag die Serokon­versionsrate bei über 95 %.

VLA2001 erzeugte auch eine Reaktion der T-Zellen, dem zweiten Arm der adaptiven Immunantwort. Laut Hersteller wurden Antigen-spezifische IFN-gamma-produzierende T-Zellen induziert, die gegen S-Protein (74,3 %), N-Protein (45,9 %) und M-Protein (20,3 %) reaktiv waren.

Trotz der beiden Adjuvanzien soll VLA2001 im Allgemeinen gut vertragen werden. Das Verträglichkeits­pro­fil sei sogar signifikant günstiger gewesen als nach der Impfung mit AZD1222, heißt es in der Presse­mitteilung. Über Nebenwirkungen an der Injektionsstelle berichteten 73,2 % der mit VLA2001 geimpften gegenüber 91,1 % der mit AZD1222 geimpften Personen (im Alter von über 30 Jahren).

Systemische Reaktionen sollen mit 70,2 % versus 91,1 % ebenfalls seltener aufgetreten sein. Schwerwie­gende unerwünschte Ereignisse sollen nicht aufgetreten sein. Bei den Teilnehmern der jüngeren Alters­gruppe, die mit VLA2001 geimpft wurden, zeigt VLA2001 eine mit der älteren Altersgruppe vergleichbare Verträglichkeit.

Die Zahl der COVID-19-Fälle (ein explorativer Endpunkt) war laut Hersteller in beiden Behandlungs­gruppen ähnlich. Schwere Fälle traten nicht auf. Dies bestätigt, dass beide Impfstoffe auch vor den der­zeit zirkulierenden Varianten wie Delta schützt.

Der Hersteller kann aufgrund der Ergebnisse mit einer Zulassung rechnen. Bei der britischen Zulassungs­behörde „Medicines and Healthcare products Regulatory Agency“ (MHRA) wurde bereits im August ein Antrag gestellt. Bei der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) soll dies in Kürze geschehen. Eine Zu­lassung könnte noch in diesem Jahr erfolgen. Der Hersteller bereitet derzeit eine Studie mit Kindern (5 bis 12 Jahre) sowie eine Auffrischungsstudie für vollständig geimpfte Personen vor.

Ob VLA2001 der erste in Europa zugelassene Impfstoff aus inaktivierten Viren wird, hängt vom Ausgang des „Rolling Review“ zum Impfstoff CoronaVac von Sinovac Biotech ab, den die EMA Anfang Mai begonnen hat. In China ist ein weiterer inaktivierter Impfstoff von Sinopharm zugelassen. Impfstoffe mit inaktivierten Viren werden derzeit auch in der Türkei („Turkovac“) und in Kasachstan („QazCovid-in“) in Phase-3-Studien getestet.


/picture alliance, ZUMAPRESS.com, Chaiwat Subprasom

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