SARS-CoV-2: Durchbruch­infektionen im Gesundheitswesen vermutlich selten, aber leicht zu übersehen

Deutsches Ärzteblatt vom Donnerstag, 29. Juli 2021

Durchbruchinfektionen nach einer abgeschlossenen COVID-19-Impfung sind vermutlich Folge einer verminderten Immunreaktion mit niedrigeren Antikörper-Titern. Dies zeigen die Erfahrungen einer Klinik aus Israel im New England Journal of Medicine (2021; DOI: 10.1056/NEJMoa2109072). Die Zahl der Durchbruchinfektionen war dort gering, und die meisten Betroffenen entwickelten nur milde Symptome, von denen sich jeder 5. jedoch nur langsam erholte.

Da auch die mRNA-Impfstoffe „nur“ eine Schutzwirkung von 95 % erzielen, musste mit Durchbruchinfek­tionen gerechnet werden. Das Sheba Medical Center in Tel-Hashomer bei Tel-Aviv hat deshalb frühzeitig nach Zweitinfektionen unter den 12.586 Angestellten gesucht, von denen Ende April bereits 91 % beide Dosierungen des Impfstoffs BNT162b2 von Biontech/Pfizer erhalten hatten.

Gescreent wurden nicht nur Personen mit verdächtigen Symptomen, sondern auch alle Kontaktpersonen von Infizierten. Wie das Team um Gili Regev-Yochay, der Chefinfektiologin der Klinik, jetzt mitteilt, wur­den unter 1.497 überprüften Mitarbeitern 39 erneute Infektionen mit SARS-CoV-2 gefunden. Dies ent­spricht einem Anteil von 2,6 %.

Die tatsächliche Häufigkeit von Durchbruchinfektionen dürfte niedriger sein, da ja gezielt Verdachtsfälle untersucht wurden. Bezogen auf die Gesamtzahl der Angestellten würde die Prävalenz bei 0,4 % liegen. Diese Zahl dürfte das Risiko unterschätzen, da sicherlich nicht alle Fälle entdeckt wurden.

Tatsächlich verlaufen viele Durchbruchinfektionen asymptomatisch. Unter den 39 entdeckten Infektionen waren 13 Mitarbeiter, die keinerlei Beschwerden hatten. Die übrigen 26 Reinfizierten hatten nur milde Symptome. Keiner musste in der Klinik behandelt werden. Das häufigste Symptom waren Schwellungen in den oberen Atemwegen (36 % aller Fälle), gefolgt von Myalgien (28 %) und einem Geruchs- oder Ge­schmacksverlust (28 %).

Die Symptome dauerten bei 31 % der infizierten Mitarbeiter mindestens 14 Tage an, 19 % klagten auch nach 6 Wochen noch über Residualsymptome und erfüllten damit die Kriterien von Long COVID. Die Be­schwerden dürften jedoch nicht allzu schlimm gewesen sein, da bis auf einen alle 29 Angestellten nach 6 Wochen ihre Arbeit an der Klinik wieder aufgenommen hatten.

Bei 85 % der Betroffenen wurde die Durchbruchinfektion durch die Variante Alpha ausgelöst, die damals in Israel das Infektionsgeschehen beherrschte. Inzwischen dominiert bekanntlich die Variante Delta. Ob sie häufiger zu Durchbruchinfektionen führt und diese öfter symptomatisch verlaufen, steht derzeit noch nicht fest.

Fest steht, dass Durchbruchinfektionen in der Regel die Folge einer zu schwachen Immunreaktion auf die Impfung sind. Die Antikörper-Titer von 22 Patienten, die die israelischen Infektiologen genauer untersu­chen konnten, waren deutlich niedriger als in einer Kontrollgruppe von 104 doppelt geimpften Ange­stellten.

Am deutlichsten waren die Unterschiede in der Höchstmenge der nach der Impfung gemessenen neu­tralisierenden Antikörper. Der Antikörpertiter (GMT) lag bei den Patienten mit Durchbruchinfektion im Mittel bei 152,2. In der Kontrollgruppe war er mit im Mittel 1.028,0 sieben mal höher.

Auch bei den leichter zu bestimmenden IgG-Antikörpern gegen das Spike-Protein gab es signifikante Unterschiede. Ein quantitativer Antikörpertest könnte demnach Hinweise auf eine unzureichende Impfstoffwirkung geben.

In den Rachenabstrichen wurden teilweise erhöhte Viruskonzentrationen gefunden. Insgesamt 29 Ange­stellte (74 %) hatten im Verlauf wenigstens einmal einen Ct-Wert von unter 30, der eine hohe Viruslast anzeigt (Der Ct-Wert ist die Zahl der Vermehrungszyklen in der PCR bis zum Nachweis der Viren).

Allerdings hatten nur 17 Infizierte (59 %) ein positives Ergebnis im gleichzeitigen Antigen-Test und in keinem Fall wurde eine Sekundärinfektion auf der Arbeit oder im Privatleben gefunden. Regev-Yochay hält es jedoch nicht für ausgeschlossen, dass Angestellte mit einer Durchbruchinfektion zum Aus­gangspunkt eines Ausbruchs in der Klinik werden könnten. © rme/aerzteblatt.de


/picture alliance,IPA, Marco Passaro


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