SARS-CoV-2: Delta-Variante verdoppelt das Hospitalisierungs­risiko

Deutsches Ärzteblatt vom Montag, 30. August 2021


Die hoch ansteckende Delta-Variante von SARS-CoV-2 hat nach ihrer Einschleppung in England nicht nur die Alpha-Variante innerhalb weniger Wochen verdrängt. Es ist auch zu einem Anstieg der Krankenhaus- und Intensivbehandlungen gekommen, wie ein Abgleich der sequenzierten Viren mit den Klinikbehandlungen in Lancet Infectious Diseases (2021; DOI: 10.1016/S1473-3099(21)00475-8) zeigt.

Die Delta-Variante hat sich seit Ende März in England rasch durchgesetzt. Gehörten in der Kalender­woche 13 Ende März noch 99,8 % der sequenzierten Viren zur Alpha-Variante, so betrug der Anteil von Delta in der Kalenderwoche 20 Mitte Mai bereits 65 %.

Experten führen die offenbar höhere Fitness von Delta auf eine stärkere Bindung an den ACE2-Rezeptor zurück, die den Eintritt in die Zellen erleichtert und die Produktion neuer Viren beschleunigt. Eine durch Mutationen beschleunigte Infektiosität und Übertragbarkeit war von Virologen im Verlauf der Epidemie erwartet worden.

Ein anderes erwartetes Phänomen scheint jedoch ausgeblieben zu sein. Im Interesse des Virus wäre es gewesen, den Wirt so wenig wie möglich zu schädigen, da nur ein überlebender Patient die Viren weitertragen kann. Ein Schnupfen wäre effektiver als eine Lungenentzündung.

Dieses Gesetz scheint jedoch vorerst für SARS-CoV-2 nicht zu gelten. Die jetzt von Katherine Twohig von Public Health England in London und Mitarbeitern vorgestellten Daten zeigen im Gegenteil, dass Patienten mit einer Delta-Infektion häufiger im Krankenhaus und auf Intensivstation behandelt werden müssen.

Die Forscher haben den klinischen Verlauf von 43.338 Patienten recherchiert, deren Viren sequenziert worden waren. Von den 34.656 Patienten, die mit der Alpha-Variante infiziert waren, wurden 764 oder 2,2 % innerhalb der nächsten 14 Tage im Krankenhaus behandelt. Der Anteil war in etwa gleich hoch wie bei der Delta-Variante, wo 196 von 8.682 Patienten (2,3 %) im Krankenhaus behandelt werden mussten.

Die mit der Delta-Variante infizierten Patienten waren jedoch jünger, und sie wiesen andere Faktoren auf, die ihre Anfälligkeit für eine schwere Erkrankung eigentlich herabsetzen sollten. Nach Berücksich­tigung dieser Faktoren ermittelt Twohig eine adjustierte Hazard Ratio von 2,26, die mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 1,32 bis 3,89 signifikant war. Das Hospitalisierungsrisiko könnte demnach mehr als doppelt so hoch sein wie bei der Alpha-Variante.

Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt Twohig, wenn sie die Besuche der Notfallambulanzen (die nicht immer zur Hospitalisierung führen) in die Analyse einbezog: 498 Patienten (5,7%) mit der Delta-Variante stehen hier 1.448 (4,2%) Patienten mit der Alpha-Variante gegenüber. Die adjustierte Hazard Ratio betrug 1,45 (1,08 bis 1,95).

Auffällig ist, dass die meisten mit Alpha oder Delta infizierten Personen ungeimpft waren: Nur 794 von 43.338 Infizierten (1,8 %) hatten beide Impfdosen erhalten, 10.466 (24,2 %) waren einmal geimpft, die übrigen 32.078 (74 %) waren nicht geimpft.

Eine Aufschlüsselung nach dem Impfstatus ergab, dass ungeimpfte Personen (sowie solche, deren 1. Dosis keine 21 Tage zurücklag,) bei einer Infektion mit der Delta-Variante mehr als doppelt so häufig im Krankenhaus behandelt wurden wie Ungeimpfte nach einer Infektion mit der Alpha-Variante (adjustierte Hazard Ratio 2,32; 1,29 bis 4,16).

Es steht zu befürchten, dass auch Durchbruchinfektionen schwerer verlaufen. Die Zahl war allerdings so gering, dass Twohig hierfür keine Zahlen vorlegen konnte. Für die Personen, deren 1. Impfung mindestens 21 Tage zurücklag, betrug die adjustierte Hazard Ratio nicht-signifikante 1,94 (0,47 bis 8,05).

Die Botschaft der Studie lautet, dass Erkrankungen mit der Delta-Variante schwerer verlaufen und auch geimpfte Personen vermutlich nicht vor einer schweren Erkrankung gefeit sind, auch wenn die Impfung das Risiko deutlich senkt. © dpa/rme/aerzteblatt.de


/picture alliance, Robert Michael

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