SARS-CoV-2: Berichte über Doppelinfektionen mit unterschiedlichen Varianten

Deutsches Ärzteblatt vom Montag, 12. Juli 2021

Menschen können gleichzeitig mit verschiedenen Varianten von SARS-CoV-2 infiziert sein. Zuletzt wurden mehrere Fälle aus Portugal, Brasilien und Belgien vermeldet.

Immu­no­logen der Universität Porto war im vergangenen Jahr aufgefallen, dass sich das Erbgut von SARS-CoV-2, das sie bei einer 17-jährigen Patientin mit einer komplizierten Erkrankung insgesamt 7 Mal sequenziert hatten, im Verlauf der Erkrankung stark veränderte.

In der 1. Probe war die Patientin nur mit der Variante 20A infiziert. Schon in der 2. Probe, die 9 Tage nach der Diagnose entnommen wurde, war neben 20A in geringer Menge die Variante 20B nachweisbar, die sich im Sommer des vergangenen Jahres auf der iberischen Halbinsel stark ausgebreitet hatte.

Beide Varianten unterscheiden sich so stark, dass das Team um Luisa Pereira von der Universität Porto/­Por­tugal in Microorganisms (2021: 9: 300) eine Evolution des Virus im Körper der Patientin ausschließt. Die Forscher vermuten, dass sich die Frau mit zwei unterschiedlichen Varianten von SARS-CoV-2 infizier­te. Dies könnte ihrer Ansicht nach den für die junge Patientin ungewöhnlich schweren Verlauf erklären.

Die Patientin erlitt thrombotische Komplikationen, die eine Antikoagulation mit Heparin erforderlich mach­ten. 2 Monate nach der Entlassung wurde sie erneut in der Klinik aufgenommen, erholte sich dieses Mal jedoch innerhalb von 2 Tagen. In den Abstrichen waren jetzt nur noch Viren der Variante 20B nach­weisbar. Diese hatten sich während der ungewöhnlich langen Infektion, die vermutlich über mehrere Monate andauerte, durchgesetzt.

Virologen am Laboratório Nacional de Computação Científica in Petrópolis nördlich von Rio de Janeiro hatten im letzten Winter die Entwicklung einer zweiten Welle in Brasilien beobachtet. Die Variante B.1.1.248, die heute als Gamma bezeichnet wird, breitete sich damals im südlichen Bundesstaat Rio Grande do Sul aus. Die Sequenzierung von 92 Proben ergab, dass 2 Patienten offensichtlich mit unter­schiedlichen Viren infiziert waren.

Wie das Team um Ana Tereza Vasconcelos in medRxiv (2021; DOI: 10.1101/2021.01.21.21249764) berich­tete, betrug der Anteil von B.1.1.248 bei einem Patienten 17 %, bei dem anderen 80 %. Auch hier waren die Unterschiede zum jeweils anderen Stamm, mit dem die Patienten infiziert waren, zu groß, um eine Evolution im Körper der Infizierten anzunehmen, zumal die beiden jungen Patienten in den 30ern nicht allzu schwer erkrankt waren und sich innerhalb kurzer Zeit erholten.

Bei einer 90-jährigen Frau, über die Anne Vankeerberghen von einer Klinik in Aalst bei Brüssel jetzt auf einer Tagung der European Society of Clinical Microbiology & Infectious Diseases berichtete, endete die Doppelinfektion dagegen unglücklich. Die Frau war Anfang März wegen mehrerer Stürze in der Klinik eingeliefert worden. Sie wurde am selben Tag positiv auf COVID-19 getestet. Sie lebte allein in häuslicher Pflege und war nicht gegen COVID-19 geimpft.

Anfangs hatte die Patientin keine Anzeichen von Atemnot und die Sauerstoffsättigung war gut. Im Verlauf der nächsten Tage kam es dann jedoch zu einer schnell fortschreitenden Atemwegserkrankung. Die Frau starb nach 5 Tagen in der Klinik.

Die Ärzte ließen die Proben aus den Atemwegen auf besorgniserregende Varianten (VOC) von SARS-CoV-2 testen. Das Ergebnis war, dass die Patientin sowohl mit der Variante Alpha (B.1.1.7) als auch mit der Variante Beta (B.1.351) infiziert war. Laut Vankeerberghen handelt es sich um den ersten dokumen­tierten Fall einer Infektion mit den beiden aktuellen VOC. Da die beiden Varianten zur Zeit der Infektion in Belgien kursierten, sei von einer Doppelinfektion auszugehen. © rme/aerzteblatt.de


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