RKI wehrt sich: Keinen Fehler bei zu niedrigen Impfquoten gemacht

Deutsches Ärzteblatt vom Mittwoch, 13. Oktober 2021


Das Robert-Koch-Institut (RKI) hat die Verantwortung für mögliche zu niedrige, offiziell gemel­de­te Corona-Impfquoten in Deutschland zurückgewiesen. „Das RKI kann nur die Impfdaten veröffentli­chen, die ihm entsprechend übermittelt worden sind“, sagte Präsident Lothar Wieler heute.

Eine zu niedrige Erfassung stelle „keinen Fehler und kein Versäumnis des RKI dar“, sondern gehe auf un­terbliebene Meldungen einiger impfender Stellen zurück, hieß es. Man sei bei der Ermittlung der Impf­quote auf das Digitale Impfquotenmonitoring (DIM) angewiesen, schreibt das RKI. Die Anwendung und Zuverlässigkeit dieses Meldesystems liege „ausschließlich in der Hand der impfen­den Stellen (Impfzent­ren, Impfteams, Krankenhäuser, Arztpraxen, Betriebsärzte)“.

Das RKI hatte vor einer Woche in einem Bericht unter anderem geschrieben, dass unter Erwachsenen ver­mutlich mehr Menschen geimpft seien, als die offiziellen Daten nahelegen. Darauf weise unter ande­rem eine Befragung von Bürgern hin. So dürfte die Quote bei einmal und vollständig Geimpften ab 18 Jahren bis zu fünf Prozentpunkte höher sein. Nach der Veröffentlichung dieses Berichts hatte es unter anderem Kritik an RKI-Chef Wieler gege­ben.

Rückendeckung für das RKI

Rückendeckung hatte Wieler von prominenter Seite erhalten. Der Virologe Christian Drosten nahm das RKI in Schutz. Die einseitige Schuldzuweisung ans RKI und Lothar Wieler halte er so nicht für gerecht­fertigt, sagte der Experte von der Berliner Charité gestern im Podcast „Coronavirus-Update“ bei NDR-Info. Das Thema sei auch nicht neu, das RKI weise schon länger auf die Problematik hin.

Nach einem Bericht zu einer RKI-Impfbefragung, der vorige Woche erschienen ist, sind unter Erwachse­nen in Deutschland vermutlich mehr Menschen geimpft als die Daten aus dem Meldesystem nahelegen. Es hieß, dass die Quote bei einmal und vollständig Geimpften ab 18 Jahren bis zu fünf Prozentpunkte höher sein dürfte. Bereits im August hatte das RKI von „gewisser Unsicherheit“ bei der Interpretation von Impfquotendaten berichtet.

Letztlich sei die öffentliche Aufregung um die Diskrepanz „komplett umsonst“, sagte Drosten. Die Situ­a­tion habe sich nicht geändert. „Das ist einfach der totale Klamauk, was da passiert ist.“ Rechnen müsse man mit der Impfquote der Gesamtbevölkerung (und nicht der Erwachsenen), sagte Drosten: Dabei sei der Unterschied zwischen dem Meldesystem und der RKI-Begleituntersuchung gering und für die Bewer­tung der Gesamtsituation „irrelevant“. Die Begleitstudie, eine Umfrage, weise auch einige Einschrän­kun­gen auf.

Weiter sprach sich Drosten dafür aus, Coronaschutzmaßnahmen nur nach und nach zu lockern: „Das Aller­wichtigste ist das Schließen der Impflücken. Und dann öffnen wir schrittweise, ein Schritt nach dem anderen.“ Die Quote solle „so hoch wie es geht“ gesteigert werden. Es war die 100. Folge des Podcasts. Das Format soll laut NDR in den kommenden Wochen mit kürzeren Folgen als zuletzt fortgesetzt wer­den.

Im Kern halte er sein Projekt der wissenschaftlichen Informationsvermittlung auf diesem Weg jedoch für erledigt, seit Impfstoffe breit verfügbar seien, sagte Drosten. Die Wissenschaft habe geliefert. „Das Ganze ist jetzt Aufgabe der Politik.

Von Februar 2020 an hatte Drosten in dem mehrfach ausgezeichneten Format über Erkenntnisse zu SARS-CoV-2 informiert, anfangs täglich. Mittlerweile erscheint der Podcast in der Regel im Zwei-Wochen-Takt. Dabei wechseln sich Drosten und die Virologin Sandra Ciesek ab.

Die Expertin aus Frankfurt sagte gestern, die weitere Entwicklung der Pandemie in Deutschland sei mo­mentan schwierig zu bewerten. Es sei aber schon öfter zu beobachten gewesen, dass die Infektions­zah­len nach den Schulferien wieder steigen.

Kritik übte Ciesek an der Hospitalisierungsinzidenz (COVID-19-Neuaufnahmen in Kliniken binnen sieben Tagen) „als Maß aller Dinge“: Der Virologin zufolge bildet der Indikator die tatsächliche Belastung in vielerlei Hinsicht ungenau ab. Sie sprach sich etwa dafür aus, sich die Lage der Universi­täts­kliniken genauer anzuschauen, da diese die COVID-19-Patienten vorrangig behandelten.

Auch innerhalb einzelner Krankenhäuser seien Abteilungen unterschiedlich stark belastet. Der NDR berichtete zudem über großen Meldeverzug. Drosten sagte, es sei kein Wunder, dass die noch relativ neue Meldepflicht noch nicht reibungslos funktioniere – man könne so etwas aber auch nicht „mal eben schnell verbessern“.


Lothar Wieler, Präsident des Robert Koch-Instituts (RKI)/ picture alliance, John Macdougall

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