RKI-Präsident sieht Nachbesserungs­bedarfe bei Bekämpfung von Infektions­krankheiten

Deutsches Ärzteblatt vom Montag, 13. September 2021


Deutlichen Nachbesserungsbedarf im Umgang mit Infektionskrankheiten wie COVID-19 sieht der Präsident des Robert Koch-Instituts (RKI). „Es gibt sehr viele Lehren zu ziehen“, sagte Lothar Wieler zum Start der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Hygiene und Mikrobiologie (DGHM) gestern in Berlin. In der laufenden Pandemie habe man „gnadenlos Defizite kennengelernt“.

So gebe es in Deutschland ein Manko beim Erstellen klinischer Studien, erläuterte Wieler. Ein weiteres Thema mit Nachbesserungsbedarf sei die Datentransparenz. Sie zu schaffen, sei „ein dickes Brett“.

Oftmals seien Daten im Prinzip schon da, aber gut versteckt und nicht frei verfügbar. Zu den positiven Lerneffekten zählt der RKI-Präsident, dass Entscheidern in Politik und Wirtschaft die gesamtgesell­schaftliche Bedeutung von Infektionskrankheiten stärker klar geworden sei.

In der Bevölkerung sei zudem das Verständnis für Hygiene gewachsen, bei vielen Infektionskrankheiten hätten sich im Zuge dessen die Fallzahlen reduziert. Das könne womöglich ein nachhaltiger Effekt sein.

Wieler äußerte sich zudem zur Wirksamkeit der Grippeimpfstoffe für die anstehende Saison – diese lasse sich kaum abschätzen. „Die Datenbasis, auf der der Impfstoff erarbeitet wurde, ist nicht so gut wie die Datenbasis der Vorjahre.“

In jeder Influenzasaison kursieren andere Virusvarianten, daher müssen Impfstoffe jährlich angepasst werden. Grundlage bildet ein weltweites Netzwerk von Überwachungsstellen, mit der die um den Globus laufende Grippewelle verfolgt und analysiert wird. Wegen der Coronapandemie sei aber zum einen ein Teil dieses Systems zusammengebrochen, erklärte Wieler.

Zum anderen habe es im Zuge der Schutzmaßnahmen vielfach weit weniger Influenza-Fälle gegeben, auch das mache Rückschlüsse auf die in dieser Saison am stärksten kursierenden Grippestämme schwierig.

Für Deutschland hatte das RKI im vergangenen Winter mit nur einigen Hundert im Labor bestätigten Fällen die wohl schwächste Grippesaison seit Jahrzehnten erfasst – im Jahr davor waren es noch mehr als 180.000 Fälle. Nach Definition der Arbeitsgemeinschaft Influenza (AGI) am RKI wurden nicht einmal die Kriterien für den Beginn einer Grippewelle erfüllt, wie es hieß. „Es hat in dieser Saison überhaupt keine Grippewelle gegeben.“ Auch die meisten anderen Länder der Nordhalbkugel blieben demnach von der Welle verschont.

Grund für das Ausbleiben waren die vielerorts geltenden Coronamaßnahmen wie Mindestabstände, Masken, Homeoffice-Regelungen und Schulschließungen. Ob es in diesem Jahr mit den inzwischen deutlich reduzierten Maßnahmen zu einer starken Grippewelle kommt, lässt sich Wieler zufolge noch nicht abschätzen. „Wenn wir eine Influenza-Welle bekommen, kommt sie obendrauf auf die vierte Coronawelle.“ Die Krankenhäuser bereiteten sich bereits auf dieses Szenario vor.

Bei anderen Atemwegsinfektionen wie RSV zeigt sich dem RKI-Präsidenten zufolge bereits ein Anstieg der erfassten Fälle. Generell sei zu befürchten, dass es in diesem Herbst und Winter wieder zu deutlich mehr Atemwegsinfektionen kommt – mit entsprechender Belastung der Krankenhäuser. Auch das sei neben der Coronalage ein guter Grund dafür, Schutzmaßnahmen wie das Masketragen den gesamten Winter über beizubehalten.

Das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) hatte Anfang September die ersten Grippe-Impfstoffe für Herbst und Winter freigegeben. Das für Impfstoffe zuständige Bundesinstitut hatte die ersten 10,7 Millionen Dosen für den deutschen Markt geprüft. Dabei geht es vor allem um die Qualitätskontrolle, nicht um die Wirksamkeit. Insgesamt stehen dem PEI zufolge in diesem Jahr neun Impfstoffe gegen Influenza zur Verfügung.


/Rasi, stock.adobe.com

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