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RECOVERY-Studie: Baricitinib senkt Sterberate bei COVID-19

Deutsches Ärzteblatt vom Freitag, 4.3.2022


Der Januskinase-Inhibitor Baricitinib, der zur Behandlung der rheumatoiden Arthritis zugelassen ist, hat in der RECOVERY-Studie die Überlebenschancen von Patienten mit COVID-19 leicht verbessert, die wegen einer schweren Erkrankung im Krankenhaus behandelt wurden. Dies zeigend die jetzt in medRxiv (2022; DOI: 10.1101/2022.03.02.22271623) vorveröffentlichten Ergebnissen. Die Wirkung blieb zwar hinter den Ergebnissen früherer Studien zurück. Die RECOVERY-Studie zeigt jedoch erstmals, dass ein kombinierter Einsatz mit einem Interleukin 6-Antagonisten wie Tocilizumab vorteilhaft sein kann.

In der „Randomised Evaluation of COVID-19 Therapy“ (RECOVERY), die bereits die Wirksamkeit von Dexamethason und Tocilizumab belegt hat, waren zwischen Februar und Dezember 2021 mehr als 8.000 Patienten auf eine Standardbehandlung oder eine zusätzliche Behandlung mit Baricitinib randomisiert worden.

Die Dosis von Baricitinib betrug 4 mg pro Tag, die Behandlungsdauer 10 Tage oder bis zur Entlassung aus der Klinik. Insgesamt 95 % der Patienten wurden bereits mit einem Kortikosteroid wie Dexamethason behandelt, 23 % hatten Tocilizumab und 20 % das antivirale Medikament Remdesivir erhalten. 2/3 (68 %) der Patienten erhielten Sauerstoff und ein Viertel (27 %) eine zusätzliche Unter­stützung der Atmung.

Der primäre Endpunkt war die Sterberate der Patienten. Wie das Team um Peter Horby von der Universität Oxford berichtet, starben in der Baricitinib-Gruppe 513 von 4.148 Patienten (12 %) innerhalb von 28 Tagen gegenüber 546 von 4.008 Patienten (14 %) in der Vergleichsgruppe ohne Baricitinib. Die Forscher ermitteln eine alters-adjustierte Rate Ratio von 0,87, die mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 0,77 bis 0,98 statistisch signifikant war. Die zusätzliche Behandlung mit Baricitinib hatte demnach das Sterberisiko um 13 % gesenkt. Dieser Vorteil bestand unabhängig davon, ob die Patienten mit Kortikosteroiden, Tocilizumab oder Remdesivir behandelt wurden oder nicht.

In der Baricitinibgruppe wurden 80 % der Patienten innerhalb von 28 Tagen lebend aus der Klinik entlassen. In der Vergleichsgruppe waren es 78 %. Auch dieser leichte Vorteil war mit einer Rate Ratio von 1,10 und einem 95-%-Konfidenzintervall von 1,04 bis 1,15 statistisch signifikant.

Baricitinib senkte auch den Anteil der Patienten, die im Verlauf der Behandlung maschinell beatmet werden mussten, von 17 % auf 16 %. Die Risk Ratio betrug hier 0,90 (0,81 bis 0,99).

Januskinase-Inhibitoren wie Baricitinib hemmen in den Entzündungszellen die Signalübertragung von verschiedenen Zytokinen, zu denen auch Interleukin 6 gehört. Sie sind damit ein Mittel gegen den Zytokinsturm, der bei schweren Verläufen von COVID-19 das Sterberisiko erhöht.

Baricitinib hatte in früheren randomisierten Studien bereits eine gute Wirkung erzielt. Die Leitlinie der WHO empfiehlt den Einsatz von Baricitinib seit dem 14. Januar diesen Jahres. Baricitinib wird dort als Alternative zu Interleukin 6-Antagonisten wie Tocilizumab eingestuft. Vom gemeinsamen Einsatz beider Substanzgruppen wurde bisher abgeraten.

Dies könnte sich jetzt ändern, da fast ein Viertel der Teilnehmer zusätzlich mit Tocilizumab behandelt wurden und offenbar eine additive Wirkung erzielt wurde.

Der gemeinsame Einsatz der beiden Mittel könnte vielleicht erklären, warum die Wirkung von Baricitinib in der RECOVERY-Studie hinter den Ergebnissen früherer Studien zurückblieb. Dort wurde mit Baricitinib (oder einem anderen JAK-Inhibitor) eine Reduktion der Sterberate um 2/5 erzielt. In der RECOVERY-Studie war der Vorteil mit 13 % jetzt deutlich geringer.

Eine aktuelle Metaanalyse, die neben der RECOVERY-Studie 8 frühere Studien mit etwa 12.000 Patienten umfasst, in denen Baricitinib oder ein anderer JAK-Inhibitor eingesetzt wurden, ermittelt einen Rückgang des Sterberisikos um 20 % (Rate Ratio 0,80; 0,71 bis 0,89).

Ob die WHO künftig den kombinierten Einsatz von Interleukin 6-Antagonisten und JAK-Inhibitoren empfiehlt, dürfte von der Verträglichkeit abhängen. In der RECOVERY-Studie hat sich der gemeinsame Einsatz offenbar als unproblematisch erwiesen. Bei der kurzfristigen Gabe ist es nach Angaben von Horby weder zu einem Anstieg der Infektion noch zu vermehrten Thrombosen gekommen.


/laurencesoulez, stock.adobe.com

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