Pro und Contra: Das Tragen einer FFP2-Maske ist nur sinnvoll für den professionellen Bereich

Deutsches Ärzteblatt vom Dienstag 15.3.2022


Am 19. März laufen die meisten Coronamaßnahmen aus. Daher berät der Bundestag ab morgen über Änderungen am Infektionsschutzgesetz (IfSG), um festzulegen, welche Schutzmaßnahmen die Län­der weiterhin einsetzen können.

Im umstrittenen Gesetzentwurf von Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) und Bun­desjus­tiz­minister Marco Buschmann (FDP) vom 8. März heißt es, dass die Länder weiterhin befugt seien, etwa Bürgerinnen und Bürger zum Tragen einer Atemschutzmaske oder einer medizinischen Gesichtsmaske zu verpflichten. Entscheidend hierfür soll die Höhe der Inzidenz sein (Hotspotregel). Auch eine Testpflicht zum Schutz vulnerabler Personen können auf Länderebene wieder festgelegt wer­den.

Bestimmte Maskenpflichten sind als Bestandteil des künftigen Coronabasisschutzes eingeplant: Im öffentlichen Nahverkehr und zum Schutz vulnerabler Gruppen soll die Maskenpflicht (FFP2 oder ver­gleichbar oder einer medizinischen Gesichtsmaske) erhalten bleiben.

Dem RedaktionsNetzwerk Deutschland zufolge soll die Maskenpflicht den jüngsten Änderungen zufolge (Stand 15. März) auch in Tageskliniken und Einrichtungen für ambulantes Operieren sowie in Vorsorge- oder Rehabilitationsein­rich­tungen möglich sein. Ende der Woche soll das Plenum über den umstrittenen Gesetzentwurf ent­schei­den, Änderungen sind möglich.


Peter Walger: FFP2-Masken verbessern im Vergleich zu Mund-Nasen-Schutz den Schutz nicht. Das Gegenteil ist zu befürchten.

(Peter Walger, Vorstandsmitglied Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene e.V. (DGKH), Zentralbereich Hygiene, Infektionsprävention und ABS Verbund

Katholischer Kliniken Düsseldorf (VKKD)

Düsseldorf /privat)

Theoretisch ist die beste Maske diejenige, die die wenigsten Viren durchlässt, vorausgesetzt es wird ausschließlich durch den filtrie­renden Stoff geatmet und die Maske sitzt ohne Leckagen dicht am Gesicht. Für FFP2/3-Masken konnte ein optimaler Schutz nur ex­perimentell nachgewiesen werden.

Praktisch ist ihr adäquater Gebrauch für die Bevölkerung neben der stärkeren Einschränkung der Atmung jedoch nicht gewähr­leistet, weil Voraussetzungen – wie im Arbeitsschutz verlangt – fehlen (Stellungnahme der DGKH 2022 und 2021).

Den unterschiedlichen Gesichtstypen stehen passgenaue FFP2-Masken nicht zur Verfügung. Der Dichtsitz wird nicht geprüft (Fit-Test). Schulungen zum sicheren Gebrauch werden nicht ange­boten.

Atmen durch die Leckagen, häufiges Absetzen, fehlende Nasenbe­deckung und zu viele Maskenpausen kennzeichnen den FFP2-Gebrauch nicht nur durch Laien. Auch Untersuchungen im Arbeits­schutz zeigen Defizite. Ein standardisierter Dichtigkeitstest einer noch nicht publizierten Studie mit 50 Mitarbeitenden eines Kran­ken­haus zeigte, dass nur bei einem Drittel aller FFP2-Masken ein akzeptabler Schutz vor Übertragungen bestand.

Der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene liegen mehrere Berichte nosokomialer SARS-CoV-2-Ausbrüche trotz FFP2-Gebrauch vor. Nur vereinzelte Untersuchungen weisen auf einen besseren Schutz durch FFP2/3- Masken im Vergleich zu Mund-Nasen-Schutz (MNS) hin. Eine häufig zitierte Studie basiert auf einer Telefonumfrage (MMWR, 2022).

Metaanalysen bestätigen einen besseren Schutz bisher nicht (Lancet, 2020). Sinnvoll sind FFP2-Masken bei der Versorgung von COVID-19-Patienten oder bei Verdachtsabklärung. Ein effektiver Schutz ist aber nur gegeben, wenn deren adäquater Gebrauch durch sicheren Dichtsitz gewährleistet ist. Für die Bevöl­kerung gilt der medizinische MNS neben Abstandswahrung als effektivster Schutz vor Ansteckung. FFP2-Masken verbessern im Vergleich zu MNS den Schutz nicht.

Das Gegenteil ist zu befürchten. In Innenräumen sollten Masken aktuell nicht als überflüssig deklariert werden, insbesondere wenn Abstand von 1,5 Metern bei größerer Personenzahl und eine ausreichende Frisch­luftzufuhr nicht gewährleistet sind.

Eine generelle Maskenpflicht für Kinder muss abgelehnt werden, weil Kinder nicht zu den vulnerablen Gruppen gehören und die Verhinderung einer jeden Infektion als Fremdschutz für Erwachsene, die sich in Eigenverantwortung selbst schützen können, ungeeignet ist (Stellungnahme DGPI 2022).


Eberhard Bodenschatz: Wenn alle gut sitzende FFP2-Masken tragen, liegt das Infektionsrisiko bei weit unter einem Prozent, und das ohne Abstand.

(Eberhard Bodenschatz, Direktor und Wissenschaftliches Mitglied am Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation in Göttingen /MPG)

Vor allem das Tragen einer FFP2-Maske bietet einen wirksamen Schutz – in allen Situationen. Warum? Wenn wir atmen, sprechen, husten oder niesen, geben wir Tröpfchen in die Luft ab. Winzige Tröpfchen von wenigen Nanometern bis zu fünf Mikrometern ent­stehen beim Atmen, größere Partikel von bis zu einem Millimeter beim Sprechen (medRxiv, 2021).

Bei Ansteckenden können diese Tröpfchen je nach ihrem Volumen und der Konzentration der Virionen in der Atemflüssigkeit ein oder mehrere Infektionskeime enthalten. Um sich anzustecken, muss man eine bestimmte Anzahl von Virionen einatmen, die soge­nannte infektiöve Dosis (Plos One, 2021). Mit der Kenntnis dieser Eckdaten und etwas Statistik und Fluidphysik kann man das Infek­tionsrisiko abschätzen.

Die Ergebnisse ohne gut sitzende Masken sind ernüchternd. Wer ohne FFP2-Maske der Ausatemluft einer sprechenden, voll an­steck­enden Person ausgesetzt ist, könnte in einer Minute mehr als die Infektionsdosis einatmen – und das in einer Entfernung von bis zu drei Metern.

Eine gut sitzende FFP2-Maske hätte dagegen fast alle virushaltigen Partikel herausgefiltert und das maximale Risiko selbst nach 20 Minuten ist auf viel weniger als zehn Prozent reduziert. Eine OP-Maske würde im gleichen Szenario deutlich weniger schützen und das Infektionsrisiko auf mehr als 80 Prozent anheben (PNAS, 2021).

Der Unterschied liegt an der schlechteren Passform und der resultirenden Leckage der traditionellen OP-Masken am Gesicht; andererseits ist das Material beider Masken sehr gut. Wenn alle gut sitzende FFP2-Masken tragen, liegt das Infektionsrisiko bei weit unter einem Prozent, und das ohne Abstand.

Unsere Ergebnisse in dem Vergleich der Wirksamkeit von FFP2 zu OP-Masken stimmen mit einer Case-Study des Center for Disease Control and Prevention in den USA über KN95/OP-Masken gut überein (MMWR, 2022). KN95-Masken sind in Ihren Filtrationseigenschaften und Leckage FFP2-Masken bezüglich humanen Aerosolen und Tropfen ebenbürtig. Leider ist die Aussagekraft von Studien dieser Art auch in anderen Settings wie zum Beispiel Kliniken wegen der schlechten Kontrollierbarkeit der individuellen Situationen (Kantine ohne Maske, Zuhause ohne Maske, etc.) und das Summieren der individuellen Dosis über mehrere Stunden und Gegebenheiten schwierig zu beurteilen.

Also: Wenn wir nicht wollen, dass sich Infektionen noch schneller ausbreiten, sollten wir weiterhin Mas­ken tragen, am besten FFP2-Masken oder aber eine medizinische Maske mit der Passform einer FFP2-Maske. Das gilt auch für die Schulen, vor allem, wenn die Tests eingestellt werden sollten.



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