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Post-COVID-Syndrom: Ausbau der Versorgung und intensivere Forschung gefordert

Deutsches Ärzteblatt vom Dienstag.11.2022


Die Bundesärztekammer (BÄK) hat heute eine Stellungnahme zum Post-COVID-Syndrom (PCS) ver­öffentlicht. Sie fordert darin eine bessere Erfassung der Daten für Deutschland, Veränderungen in den Versor­gungsstrukturen sowie einen Ausbau von therapeutischen Einrichtungen.

Die Stellungnahme beruht auf einem vom wissenschaftlichen Beirat der BÄK erstellten methodischen Review mit einer systematischen Literaturrecherche, in die mehrere Hundert Veröffentlichungen eingeflossen sind. Zudem haben Ärztinnen und Ärzte aus verschiedenen Fachbereichen in Beratungsrunden ihr Wissen über das PCS eingebracht.

Bis zu 15 Prozent der mit SARS-CoV-2 Infizierten ungeimpften Personen könnten laut aktuellen Schätzungen ein PCS entwickeln. In Deutschland gibt es der Stellungnahme zufolge demnach mehrere Hunderttausend Betroffene.

BÄK-Präsident Klaus Reinhardt machte daher heute deutlich, dass es in Deutschland mehr Daten bezüglich der Erkrankungsfälle und Umstände geben muss, um die Forschung zu verbessern.

„Ziel der Forschung ist es, das Krankheitsbild besser zu verstehen und neue Therapieansätze zu entwickeln“, sagte Michael Hallek, unter dessen Federführung der aktuelle Forschungsstand zusammengetragen wurde. Dafür müsse man epidemiologische Daten erfassen und an biologischen Ursachen, Biomarkern sowie Thera­peutika forschen.

Reinhardt plädierte zudem dafür, bessere Datennetzwerke zu etablieren, um sich über den aktuellen For­schungsstand austauschen zu können. Besonders wichtig sei es dabei, klinische Forschung mit Grundlagen­forschung zu verknüpfen.

Auch für die Krankenversorgung brauche es eine bessere Vernetzung, sagte Reinhardt. Bereits existierende PCS-Ambulanzen sollten dafür weiter ausgebaut und mit Primärversorgern vernetzt werden. So könnten auch Allgemeinmediziner am aktuellen Forschungswissen teilhaben, um beurteilen zu können, ob es sich um ein PCS handeln könnte. Für die Diagnostik seien die Allgemeinmediziner besonders wichtig, da diese ihre Pa­tienten kennen, betonte auch Hallek.

Individuell angepasste Rehabilitation als einzige Therapie

Als dritten Punkt nannte Reinhardt den Ausbau therapeutischer Einrichtungen. Denn bisher gibt es keine ursächlichen Therapien gegen das PCS. „Der einzige Bereich mit gewisser Evidenz ist eine für den Patienten angepasste Rehabilitationsmedizin,“ sagte Hallek. Denn je nach vorherrschendem Symptom brauchten die Patienten unterschiedliche Maßnahmen.

Und die Symptome seien sehr vielfältig und könnten unterschiedlichste Organsysteme betreffen. „Das Typi­sche, an dem Kliniker das Post-COVID-Syndrom gut erkennen können, ist Atemnot, Geruchs -und Geschmacks­verlust.“ Diese Symptomkombination sei für andere Viruserkrankungen selten. Zwar gehöre auch das Fatigue-Syndrom zu den Symptomen, doch betonte Hallek: „Post-COVID ist mehr als nur Fatigue.“ Es gäbe auch Men­schen die vor allem an Herzkreislaufbeschwerden litten.

Grund für die vielfältige Symptomatik könnte der Tropismus des Virus, also seine Affinität zu Organen, sein. Über die ACE-Rezeptoren verteilt sich das Virus breit über verschiedene Organe wie der Lunge, den Nieren, dem Darm, wo es auch nach der akuten Erkrankung persistieren könne. Hinzu käme die durch das Virus aus­gelöste endotheliale Dysfunktion, die zu Durchblutungsstörungen mit verminderter Sauerstoffversorgung führe.

Eine weitere Ursache für PCS sei eine fehlgesteuerte Autoimmunreaktion „Dieser Teil ist am wenigsten klar erforscht“, sagte Hallek. Hinzu kämen psychosoziale Faktoren, wobei hier wichtig sei, diese von Differenzial­diagnosen abzugrenzen.

Vor allem seien die weiße Bevölkerung sowie Menschen weiblichen Geschlechts und mittleren Lebensalters betroffen. Der Grund dafür sei nicht klar. Erkrankungen wie Asthma, schlechte psychische Gesundheit, Diabe­tes mellitus, Bluthochdruck und Fettleibigkeit stellten ebenfalls Risikofaktoren für das PCS dar. COVID-spe­zifische Faktoren, wie beispielsweise eine hohe akute Viruslast, zählten ebenfalls dazu.

Impfung verringert Risiko

Die COVID-19-Impfung scheint dagegen das Risiko deutlich zu verringern. Insbesondere die dritte Impfung erhöhe den Schutz gegen PCS. Ob dies auch für die Omikron-angepassten Impfstoffe zutreffe, müsse sich noch herausstellen, so Hallek.

Mehrfache Infektionen scheinen das Risiko für ein PCS nicht zu potenzieren, sagte Hallek weiter. Dieser Umstand sei jedoch aktuell noch nicht so gut erforscht. „Erst jetzt erleben wir eine Phase, in der repetitive Erkrankungen häufiger sind“, sagte er. Daher sei es möglich, dass die Stellungnahme in einem halben Jahr dementsprechend ergänzt würde.

Zudem stellt die BÄK die Definition des PCS heraus. Denn diese sei häufig schwammig und vermische sich mit dem auch umgangssprachlich genutzten Begriff Long COVID, sagte Hallek. Die BÄK richtet sich nach der Definition der Weltgesundheitsorganisation (WHO).

Von PCS spricht man demnach, wenn die Symptome drei Monate nach einer wahrscheinlichen oder nachge­wiesenen SARS-CoV-2-Infektion für mindestens zwei Monate bestehen und nicht durch eine andere Ursache erklärbar sind.


/jirsak, stock.adobe.com

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