Politiker beklagen Radikalisierung von Maskengegnern

Deutsches Ärzteblatt vom Dienstag, 21. September 2021


Führende Politiker reagierten erschüttert auf den töd­lichen Angriff, der durch einen Streit um die Maskenpflicht ausgelöst wurde. „Die Radikalisierung des Querdenkermilieus bereitet mir große Sorgen“, schrieb Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock heute im Kurznachrichtendienst Twitter. „Wir sind alle gefordert, uns gegen den zunehmenden Hass zu stellen.“

Ähnlich wie Baerbock reagierte CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak. „Ein junger Mensch wird nahezu hingerichtet, weil er auf die Maskenpflicht hinweist“, schrieb Ziemiak auf Twitter und sprach von einem „unfassbaren Maß an Radikalisierung“.

Auch Vizekanzler Olaf Scholz hat sich erschüttert über den tödlichen Angriff gezeigt. Seine Gedanken seien bei den Angehörigen des Mordopfers, teilte der SPD-Kanzlerkandidat heute auf Twitter mit. „Es erschüttert mich sehr, dass jemand getötet wird, weil er sich und andere schützen wollte“, betonte Scholz. „Wir müssen uns als Gesellschaft dem Hass entschlossen entgegenstellen.“ Der Täter müsse hart bestraft werden.

Im rheinland-pfälzischen Idar-Oberstein war am Wochenende ein Tankstellenkassierer nach einem Streit mit einem Kunden um die Maskenpflicht erschossen worden. Der Kunde habe sich geärgert, weil der Mitarbeiter ihm kein Bier verkaufen wollte, da er keinen Mund-Nasen-Schutz getragen habe, sagte Ober­staatsanwalt Kai Fuhrmann gestern in Idar-Oberstein.

Gegen den deutschen Tatverdächtigen aus dem Kreis Birkenfeld erging Haftbefehl wegen Mordes vor dem Amtsgericht Bad Kreuznach. Der mutmaßliche Täter habe gestanden, den 20 Jahre alten Studenten mit einem gezielten Schuss in den Kopf getötet zu haben, sagte Fuhrmann.

Zum Motiv habe er angegeben, dass ihn die Situation der Coronapandemie stark belaste. Er habe sich in die Ecke gedrängt gefühlt und „keinen anderen Ausweg gesehen“, als ein Zeichen zu setzen. Das Opfer schien ihm dabei „verantwortlich für die Gesamtsituation, da es die Regeln durchgesetzt habe“, sagte Fuhrmann.

Nach den bisherigen Ermittlungen hatte der 49-Jährige am Samstagabend den Verkaufsraum der Tank­stelle ohne Maske betreten und zwei Sechserpack Bier auf den Tresen an der Kasse gestellt. Der Kassie­rer wies den Mann auf die Maskenpflicht hin – woraufhin der Mann den Raum verließ und dabei drohend die Hand hob.

Eine gute Stunde später sei er erneut in der Tankstelle erschienen – diesmal habe er eine Mund-Nasen-Bedeckung getragen, wieder ein Sechserpack Bier genommen, und sei zur Kasse gegangen. „Dort setzte er die Mund-Nasen-Bedeckung ab“, sagte Fuhrmann. Der Kassierer habe den Mann erneut auf die Einhal­tung der Maskenpflicht hingewiesen: Daraufhin zog der Täter einen Revolver und erschoss den 20-Jährigen.



Ein Polizist sichert eine Tankstelle. Ein Angestellter der Tankstelle war in Idar-Oberstein in Rheinland-Pfalz von einem mit einer Pistole bewaffneten Mann erschossen worden. /picture alliance, Foto Hosser, Christian Schulz

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