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Pionier der Medizin: Herzchirurg Barnard vor 100 Jahren geboren

Deutsches Ärzteblatt vom Montag, 31.10.2022


Er ging als Held in die Medizingeschichte ein und war dennoch nicht unumstritten. Am 3. De­zember 1967 glückte dem südafrikanischen Chirurgen Christiaan Barnard am Groote-Schuur-Hospital in Kapstadt die weltweit erste Herztransplantation. Eine Pioniertat, die später mit der Mondlandung verglichen wurde.

Barnard, als Sohn eines burischen protestantischen Missionars vor 100 Jahren, am 8. November 1922 in Beau­fort West in Südafrika geboren, avancierte zum „Superstar“. 2004 wurde er hinter Nelson Mandela auf Platz 2 der Liste der 100 größten Südafrikaner aller Zeiten gewählt.

Barnard war mit seiner ersten Herztransplantation seinen Lehrern in den USA um wenige Wochen zuvorge­kommen. Er hatte sich als Chirurg in Minneapolis mit den damals neuesten Techniken der noch experimen­tellen Herztransplantation vertraut gemacht. Als Geschenk der US-Kollegen brachte er 1958 eine Herz-Lun­gen-Maschine nach Südafrika mit.

13 Jahre nach der ersten erfolgreichen Nierentransplantation in Boston waren 1967 wichtige Voraussetzun­gen für eine Herztransplantation beim Menschen erfüllt: Die Herz-Lungen-Maschine konnte für die Dauer der Operation die Herzfunktion übernehmen.

Und eine ausreichende Konservierung des Spenderherzens war möglich. Empfänger der ersten Transplanta­ti­on war der 54-jährige Louis Washkansky, der nach drei Herzinfarkten seit Oktober auf Barnards Station lag. Die Transplantation war nur bedingt erfolgreich: 18 Tage später starb Washkansky an einer Lungenentzün­dung.

Doch sein Ruhm hatte einen Beigeschmack. Er selbst sprach mit Blick auf die Transplantation von einem „Sprung ins kalte Wasser“. Viele hielten eine derart komplizierte Operation für verfrüht, hatte es bis dahin ähnliche Experimente doch nur an Hunden gegeben. Barnard veränderte auch den Blick der Medizin auf den Tod: Nicht der Herztod, sondern der Hirntod gilt seither als absolutes Ende des Lebens.

Auch andere Mediziner fühlten sich nun ermutigt. 1968 wurden 102 Herztransplantationen durchgeführt; in Deutschland kam es 1969 in München zur Premiere. Die meisten Patienten starben allerdings in den ersten vier Monaten nach dem Eingriff.

Auch Barnard machte weiter. Sein zweiter Patient, der Zahnarzt Philip Blaiberg, überlebte immerhin noch 20 Monate. Insgesamt jedoch blieben die Erfolge dürftig. Der Durchbruch kam mit der Entdeckung von Ciclospo­rin. Das Medikament unterdrückt das Immunsystem, wird seit Anfang der 1980er-Jahre eingesetzt und hat dazu beigetragen, die Erfolgsraten deutlich zu erhöhen.

Heute ist die Herztransplantation zu einem kalkulierbaren Risiko geworden. Patienten können 15 bis 20 Jahre mit einem zweiten Herzen leben. 2021 wurden in Deutschland nach Angaben der Deutschen Stiftung Organ­transplantation 329 Herztransplantationen durchgeführt. Größtes Problem ist der Mangel an Spenderor­ga­nen.

Um die Wartezeit auf ein Spenderorgan zu überbrücken, werden künstliche Herzpumpen eingesetzt. Wissen­schaftler und Mediziner arbeiten an Kunstherzen oder versuchen, Schweineherzen genetisch zu verändern, damit sie von Patienten nicht abgestoßen werden.

Andere Wissenschaftler experimentieren mit körpereigenen Zellen, um Transplantate zu gewinnen. Auch bei der medikamentösen Therapie gibt es große Fortschritte, so dass die Zahl der Transplantationen eher rück­läufig ist.

Barnard, der an 46 Herztransplantationen mitwirkte und sich nebenher in Südafrika auch als Farmer, Gastro­nom und Schriftsteller verdingte, verdiente sich mit seinem Ruhm eine goldene Nase.

Er inszenierte sich als Lebemann und Playboy, besuchte US-Präsident Lyndon B. Johnson auf dessen Ranch und traf Papst Paul VI. in einer Privataudienz. Harsche Kritik erntete der Chirurg immer wieder wegen seines Plädoyers für aktive Sterbehilfe oder unverhohlene Mordaufrufe gegen „die Feinde Südafrikas“.

1983 musste er das Operieren aufgeben, weil er an Arthritis erkrankte und insbesondere seine Hände betrof­fen waren. 1985 übernahm er eine wissenschaftliche Stellung am Herzzentrum in Oklahoma in den USA. Barnard starb 2001 mit 78 Jahren am Swimmingpool eines Grandhotels im griechischen Teil Zyperns.


Christiaan Barnard /dpa

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