Pandemieüberblick auch ohne Meldung aller Krankenhäuser möglich

Deutsches Ärzteblatt vom Freitag, 30.9.2022


Seit vergangener Woche müssen Krankenhäuser belegte Betten auch in den Normal­stationen an das Robert-Koch-Institut (RKI) übermitteln. Rund 1.300 Krankenhäuser seien bereits an das deutsche elektronische Melde- und Informationssystem für den Infektionsschutz (DEMIS) angeschlossen, erklärte heute Bundesgesund­heitsminister Karl Lauterbach (SPD) vor der Bundespressekonferenz. Meldepflichtig sind nach Informationen des Bundesgesundheitsminis­teriums (BMG) insgesamt etwa 1.600 Krankenhäuser.

RKI-Präsident Lothar Wieler erklärte auf Nachfrage des Deutschen Ärzteblattes (), dass er optimistisch sei, dass alle Krankenhäuser bis Ende des Jahres an das digitale Übermittlungssys­tem angeschlossen sein werden. Lauterbach ergänzte, dass die Vollständigkeit langsam erreicht werde. Zudem bräuchten die Bundesländer vor allem Daten, um das jeweilige Infektionsgeschehen beurteilen und entsprechende weiterführende Maßnahmen des Infektionsschutzgesetzes einzuleiten.

Zur Erinnerung: Ab morgen gilt bundesweit eine FFP2-Maskenpflicht im öffentlichen Fernverkehr, in Arztpraxen, Zahnarztpraxen, Dialyseeinrichtungen und weiteren Einrichtungen des Gesundheitswesens. Für den Zutritt von Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen gilt eine Masken- und Testnachweispflicht. Die Länder können darü­ber hinaus weitergehende Maßnahmen beschließen.

Eine solche notwendige, repräsentative Auswertung der Daten werde aber auch vor dem Anschluss aller Kran­kenhäuser erreicht, erklärte Lauterbach. „Die Vollständigkeit wird nicht unbedingt notwendig sein“, sagte er weiter. Allerdings erklärte er auf Nachfrage des , ob den Krankenhäusern, die noch nicht angeschlossen sind, ein entsprechendes Bußgeld drohe, dass die Meldung eine sehr wichtige Aufgabe sei.

„Es ist keine Kleinigkeit, wenn wir die Daten nicht haben. Dann steuern wir wie beim letzten Mal wieder im Blindflug." Gerade auch für mögliche weitere „Feinsteuerungen“ des Infektionsgeschehens sei es notwendig, dass die Krankenhäuser die entsprechenden Daten zur Verfügung stellen.

Lauterbach habe sich zudem dafür eingesetzt, das Verfahren zur Meldung für die Krankenhäuser auch über den sogenannten „Komfortclient“ stark zu vereinfachen. Demnach sei auch die Menge der Daten, die übertragen werden müssen, massiv reduziert worden.

Die Bundesländer hatten Lauterbach zufolge mehr Datenpunkte von den Kliniken gewollt. Hier sei man aber sehr konsequent geblieben, betonte der Minister. „Mit jedem zusätzlichen Punkt, der erhoben werden muss, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass der Datensatz nicht weitergeht, weil er unvollständig ist und das wollten wir nicht.“ Lauterbach wies auch auf den neuen digitalen Pandemieradar auf der RKI-Webseite hin. Dort könne man alle verfügbaren Daten täglich aktualisiert einsehen.

Herbstwelle schon begonnen

Derzeit stünde die Coronapandemie zwar nicht so stark im Vordergrund, dennoch würden die Fallzahlen gerade nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen europäischen Ländern wie Frankreich, Großbritannien, Nie­derlanden, Belgien oder Dänemark wieder ansteigen.

„Wir befinden uns ganz klar zu Beginn einer Herbst- und Winterwelle“, so Lauterbach. Die derzeitige Reproduk­tionszahl liege derzeit bei 1,4, damit würde die 7-Tage-Inzidenz bald wieder vierstellig sein. Insgesamt sei Deutschland aber besser vorbereitet als in den vergangenen Jahren.

Die gute Nachricht sei, dass es ausreichend und an die BA.4-5 Variante angepassten Impfstoff gebe. Lauterbach rief die Über-60-Jährigen auf, sich ein viertes Mal impfen zu lassen. In dieser Altersgruppe sei bislang lediglich ein Viertel viermal geimpft. Er kündigte eine weitere, „innovative“ Impfkampagne an, die in spätestens zwei Wochen über Print, Radio, TV und Social Media verbreitet werden soll.

Zudem werde weiterhin daran gearbeitet, Patientinnen und Patienten bei COVID-19 verstärkt medikamentös vor allem mit Paxlovid zu behandeln. Hierdurch werde die Wahrscheinlichkeit eines Krankenhausaufenthaltes sowie die Sterblichkeit israelischen Daten zufolge erheblich reduziert.

Auch der Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) habe bei seiner akuten COVID-19-Erkrankung Paxlovid genommen, um einen schweren Krankheitsverlauf zu vermeiden. Insgesamt sei eine Verdreifachung der Paxlovid-Vergabe in den vergangenen Wochen zu beobachten gewesen, so Lauterbach.

Der Debatte um die Forderung nach der Aufhebung der Isolationspflicht erteilte Lauterbach zudem eine klare Absage. Die Bundesländer Baden-Württemberg, Bayern, Hessen und Schleswig-Holstein hatten den Bundesge­sundheitsminister diese Woche per Brief aufgefordert, hier mehr auf Eigenverantwortung zu setzen und keine Absonderungspflicht mehr vorzuschreiben. Bei einem Verzicht auf die Isolationspflicht würde eine deutliche Zunahme der Fallzahlen weiter beschleunigt werden, so der Minister heute.


/picture alliance, Wolfgang Kumm

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