Omikronvarianten: Dreifach Geimpfte mit besserem Immunschutz gegen BA.2.75 als gegen BA.5

Deutsches Ärzteblatt vom Donnerstag, 29.9.2022


Das Immunsystem von 3-fach mit einem mRNA-COVID-19-Vakzin geimpften Personen kann sich gegen die Omikronvariante BA.2.75 von SARS-CoV-2 offenbar besser zur Wehr setzen als gegen die Omi­kronvariante BA.5. Zudem scheinen mehr monoklonale Antikör­per gegen BA.2.75 wirksam zu sein. Das zeigen Ergebnisse aus zwei Laborstudien.

BA.5. ist die derzeit in Deutschland dominierende Variante, BA.2.75 könnte aus andern Teilen der Welt wie etwa Indien nach Deutschland schwappen, so die Befürchtung. Doch der Impfschutz steht auch gegen diese Variante.

Forschende des Universitätsklinikums Köln und der Charité Universitätsmedizin in Berlin hatten in ihrer Studie, die in Lancet Infectious Diseases (2022, DOI: 10.1016/S1473-3099(22)00580-1) erschienen ist, Seren von 30 Gesunden, darunter medizinisches Personal und über 70-Jährige, analysiert. Alle waren 3-mal mit dem mRNA-Vakzin Comirnaty (Biontech/Pfizer) geimpft worden und hatten die Boosterimpfung 4 Wochen vor der Blutentnahme erhalten.

Die Neutralisationstests zeigten, dass die Serumaktivität gegen BA.2.75 zwar signifikant geringer ausfiel als gegen BA.2 (p=0,0145). Jedoch war sie deutlich höher als gegen BA.4/5 (p=0,0329). In einer weiteren Analyse untersuchte das Team die Aktivität von 17 bereits zugelassenen oder in einer späten Phase der klinischen Entwicklung befindlichen monoklonalen Antikörpern (mAb). Nur ca. ein Drittel (29−35 %) der analysierten mAbs konnte etwa die Varianten BA.2 und BA.4/5 neutralisieren. Gegen BA.2.75 war dagegen mehr als die Hälfte (59 %) wirksam.

Ähnliche Ergebnisse zeigte eine Untersuchung von Wissenschaftlern vom Duke University Medical Center und von Moderna, veröffentlicht im New England Journal of Medicine (2022, DOI: 10.1056/NEJMc2210648). Die Arbeitsgruppe hatte Neutralisationstests mit Seren von 20 Erwachsenen durchgeführt. Das Blut war 29 Tage nach einem Booster mit 50 µg Spikevax (Moderna) entnommen worden. Die Grundimmunisierung war mit einer zweimaligen Gabe von 100 µg des Impfstoffs erfolgt. Es zeigte sich, dass die inhibitorische Konzentra­tion gegen BA.2.75 2,5-mal höher ausfiel als gegen BA.5.

Christine Dahlke von der I. Medizinische Klinik und Poliklinik am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf zufolge ist die Variante BA.2.75 erfolgreich in der Übertragung und könnte sich daher gut ausbreiten. Es stelle sich die Frage, ob Impfstoff-induzierte Antikörper gegen Spike noch ihre Funktionen der Neutralisierung er­halten haben.

Sie schätzt die Ergebnisse daher als positiv ein. „Beide Studien zeigen, dass es keine schwächere Antwort im Vergleich zu BA.5 gibt.“ Zudem zeige sich bei BA.2.75 eine insgesamt höhere Empfindlichkeit gegenüber mo­noklonalen SARS-CoV-2-Antikörpern, was für eine Behandlung positiv sein kann. Allerdings fehlten noch Ana­lysen zu den T-Zell-Antworten.

Immunschutz abhängig vom Mutationsort im Spikeprotein

Bei all den SARS-CoV-2-Varianten, die aktuell noch nicht in Deutschland, aber bereits in anderen Bereichen der Welt vorkommen, sei sehr interessant, dass die Mutationen in der 1. Hälfte der 1.273 Aminosäuren des Spikeproteins stattfinden, betonte Christine Falk vom Institut für Transplantationsimmunologie an der Medi­zinischen Hochschule Hannover.

In der zweiten Hälfte seien bislang deutlich weniger Mutationen aufgetreten. „Die Verhinderung schwerer Krankheitsverläufe baut auch sehr auf dieser Immunität gegen diesen zweiten Bereich auf, der bis jetzt zum Glück sehr konstant geblieben ist.“ Das sei auch bei BA.2.75, so Falk, die auch Mitglied des Coronaexperten­rats der Bundesregierung ist.

Die einzige Immunflucht dieser Omikronvarianten sei, dass sie sich im Nasen-Rachen-Raum noch weiter auf­halten und weiter infizieren können. Deshalb könne man, obwohl geimpft oder zuvor infiziert, noch anste­ckend sein. „Aber der Rest, unsere systemische Immunität im Blut, die steht wie eine Eins, wenn man dreimal geimpft ist oder sich auch dann noch mal angesteckt hat.“

BA.2.75 oder eine andere Variante von Bedeutung im kommenden Herbst/Winter?

Die Omikronvariante BA.2.75 zeigte sich in Indien Ende Juli für etwa 30 % der SARS-CoV-2-Infektionen ver­antwortlich, wie die Kölner und Berliner Forschenden berichten. Hierzulande herrscht aktuell laut Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) die Omikronvariante BA.5 vor, BA.2.75 hat keine große Bedeutung.

Dahlke glaubt aktuell nicht, dass diese Variante eine größere Rolle spielen könnte. „Aber das kann man zurzeit nur spekulieren, da es immer verschiedene Einflüsse gibt, die das Infektions- und Krankheitsgeschehen mitbestimmen.“

In Österreich ist diese Variante laut Andreas Bergthaler vom Institut für Hygiene und Angewandte Immuno­logie an der Medizinischen Universität Wien Ende Juni das 1. Mal nachgewiesen worden. In der Kalenderwo­che 36 hätte die Prävalenz bei 1,2 % gelegen, was auf einen langsamen, aber kontinuierlichen Anstieg hin­deute.

Vereinzelt und im niedrigen einstelligen Bereich seien für BA.2.75 charakteristische Signale im österreichi­schen Abwassermonitoring festgestellt worden, so Bergthaler. „Somit wäre ich vorsichtig mit Prognosen, in­wieweit BA.2.75 in Österreich und in Europa in den nächsten Monaten übernimmt oder ob nicht eine andere neuentstehende Subvarianten von Omikron – zum Beispiel basierend auf BA.5 oder BJ.1 – das Infektionsge­schehen im Winter dominieren wird.“

Außerhalb von Südasien habe sich BA.2.75 nicht gegen BA.5 durchsetzen können, erläuterte Richard Neher von der Forschungsgruppe Evolution von Viren und Bakterien, Biozentrum, an der Universität Basel. Allerdings sei aus BA.2.75 eine weitere Variante, BA.2.75.2, entstanden, die zusätzliche Mutationen im Spikeprotein aufweise.

Vor kurzem erschienene Preprints (BioRxiv 2022, DOI: 10.1101/2022.09.15.507787; BioRxiv 2022, DOI: 10.1101/2022.09.16.508299) hätten gezeigt, dass sie von menschlichen Antikörpern deutlich schlechter er­kannt wird. „Auch bei weiteren Linien erwarteten wir aufgrund des Mutationsprofils derartige Eigenschaften. Diese Varianten sind im Moment in Europa noch selten, nehmen aber an Häufigkeit zu.“


/freshidea, stock.adobe.com

0 Ansichten0 Kommentare

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen