Omikron: Gesundheitssystem sollte sich auf stark steigende Infiziertenzahlen vorbereiten

Deutsches Ärzteblatt vom Freitag, 7.1.2022


Der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin und Notfallmedizin (DGIIN), Christian Karagiannidis, geht von einem deutlichen Anstieg der Infektionen mit der Omikron-Variante des COVID-19-Virus in den kommenden Tagen und Wochen aus.

Deutschland habe den Vorteil, dass es bei der Ausbreitung von Omikron zum Beispiel im Vergleich zu den USA drei bis vier Wochen zurückliege. „Dann werden wir aber auch in Deutschland einen sprunghaften Anstieg der Krankenhauseinweisung durch Omikron sehen“, sagte Karagiannidis vorgestern bei einer Ver­an­staltung der DGIIN. Das gelte auch für Notaufnahmen sowie für hausärztliche und neurologische Pra­xen.

„In New York City sieht man heute, dass etwa die Hälfte der Patienten in den Notaufnahmen mit Omikron infiziert sind“, berichtete Karagiannidis. „Die Ärztinnen und Ärzte schaffen es dort nicht mehr, Infizierte und Nichtinfizierte voneinander zu trennen. Das sollten wir in Deutschland verhindern.“ Er riet den Kran­kenhäusern, sich darauf vorbereiten, dass sie mehr Normalstationen brauchen würden, die man zusätz­lich aktivieren könne.

„Zudem sollten sich die Notaufnahmen darauf vorbereiten, zum Beispiel in vorgelagerten Bereichen wie Zelten Infizierte von Nichtinfizierten zu trennen. Auch in den Praxen sollte man sich darüber Gedanken machen“, meinte Karagiannidis.

Zudem sei durch Omikron mit einem Personalausfall von mindestens zehn bis 30 Prozent in den Kran­ken­häusern und Praxen zu rechnen. Zum ersten Mal werde es in Deutschland eine deutliche Durchseu­chung geben – auch in den Schulen und Kitas. „Da sollte man Ausfallkonzepte erstellen“, riet der DGIIN-Präsident.

Zwei unterschiedliche Serotypen

Er betonte, dass es sich bei der Delta- und bei der Omikron-Variante um zwei unterschiedliche Serotypen des Coronavirus handle. „Omikron ist keine Weiterentwicklung von Delta, sondern es sind zwei unter­schiedliche Stämme“, sagte Karagiannidis. „Wir sollten deshalb nicht davon ausgehen, dass Delta ganz verschwindet, sondern, dass sich Delta auch weiterentwickeln kann und das potenzielle Risiko eines Immunescapes in sich trägt.“

In Ländern wie den USA oder Großbritannien sehe man, dass das relative Risiko, hospitalisiert und auch beatmet zu werden, bei Omikron erheblich sinke. „Das Gute ist: Das zieht sich über alle Altersgruppen hinweg“, so Karagiannidis. In Großbritannien gebe es einen hohen Immunisierungsgrad der Bevölkerung. Dennoch sei die Zahl der Krankenhausaufnahmen durch Omikron sprunghaft angestiegen – die Zahl der Beatmungen auf der Intensivstation allerdings nicht.

„Die Impfung schützt“

„In Daten aus Großbritannien sehen wir, dass auch die Ungeimpften ein deutlich vermindertes Risiko haben, ins Krankenhaus zu müssen“, sagte Karagiannidis. Gleichzeitig sehe man in New York, dass die Krankenhäuser hauptsächlich mit Ungeimpften belegt seien. „Das ist ein Hinweis darauf, wie gut die Impfung schützt“, so der DGIIN-Präsident. „In den USA sehen wir allerdings zurzeit auch wieder, dass sich viele Mitarbeitende von Pflegeheimen mit Omikron infiziert haben. Das kann zu Todesfällen bei den Bewohnern der Einrichtungen führen.“

In einer aktuellen Studie aus den USA zeige sich, dass sich zunächst die jungen Menschen mit Omikron infizieren, da sie eine höhere Mobilität haben. Im Durchschnitt liege das Alter der Infizierten in den USA bei 36 Jahren. Erst später steckten sich dann die älteren Menschen an. Diese Entwicklung werde sich auch in Deutschland noch vollziehen.

Sekundäre Befallsrate bei Omikron „enorm hoch“

„Trotz der guten Maßnahmen in Deutschland mit der 2G-Regel und dem Tragen von Masken sieht man einen exponentiellen Anstieg der Infektionen, der sich in den nächsten Tagen deutlich fortsetzen wird“, so Karagiannidis. Denn die sekundäre Befallsrate sei bei Omikron deutlich höher als bei Delta. Sie zeigt den Anteil von Infektionen nach einem Kontakt mit einem Infizierten innerhalb der Inkubationszeit an der Gesamtzahl von dessen infizierbaren Kontakten.

„Bei Delta liegt diese Rate bei maximal 21 Prozent, bei Omikron liegt sie bei 30 Prozent“, so Karagianni­dis. „Das ist enorm hoch.“ Bei der Diskussion über eine Verkürzung der Quarantänezeit müsse man be­denken, dass die sekundäre Befallsrate auch nach sieben Tagen noch bei 30 Prozent liege. „Man sollte also Abstand davon nehmen, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Altenheimen nach fünf Tagen wieder zur Arbeit zu schicken“, meinte der DGIIN-Präsident.

„Noch einmal Augen zu und durch“

„Dadurch, dass die Viruslast geringer ist und Omikron vor allem die oberen Atemwege befällt, spielt das Tragen einer Maske derzeit eine noch größere Rolle: am besten eine FFP2-Maske“, riet Karagiannidis. Bei Omikron werde das viel helfen.

„Wir wissen nicht, wie lange die Omikron-Welle dauert“, so der Lungenarzt abschließend. „Wir gehen auch davon aus, dass sie einen deutlichen Peak hat, der dann aber auch wieder runtergeht. Salopp könnte man sagen: Noch einmal Augen zu und durch und dann haben wir’s im Großen und Ganzen aber auch geschafft.“


/picture alliance, Julian Stratenschulte

3 Ansichten0 Kommentare

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen