Nach Ärger über Impfempfehlung: STIKO wehrt sich gegen Vorwurf der schlechten Kommunikation

Deutsches Ärzteblatt vom Dienstag, 6. Juli 2021

Die Empfehlung der Ständigen Impfkommission (STIKO), mit Astrazeneca Erstgeimpften als zweite Dosis einen mRNA-Impfstoff zu verabreichen, hat bei Hausärzten und Kassenärztlichen Vereini­gun­­gen (KVen) zu Klagen über einen er­heblichen Mehraufwand und eine schlechte Kommunika­tion auf Seiten der STIKO geführt. Die Kom­mis­sion fühlt sich zu unrecht angegriffen, wie der Chef der STIKO, Thomas Mertens, jetzt dem Deutschen Ärzteblatt, erklärte.

Er persönlich sei „mit einem relativ dicken Fell ausgestattet“, aber der pauschale Vorwurf der schlechten Kommunikation durch die STIKO sei „unfair“, sagte Mertens dem Deutschen Ärzteblatt. Er könne die ent­standenen Probleme und die durch die Empfehlung verbundende Mehrbelastung verstehen, aber die Frage, durch welche bessere Kommunikation dies hätte vermieden werden können, sei „offen und die Antwort nicht leicht zu geben“.

Die STIKO hat Mertens zufolge – wie auch schon bei anderen wichtigen Änderungen – selbst vorab infor­miert. Eine solche Vorabinformation könne aus seiner Sicht nur öffentlich geschehen, da sie nie „geheim“ bleiben würde. Jede solche Information würde sofort und auch von Patienten mit ihren Ärzten diskutiert werden, so Mertens.

Empfehlungen werden durchgesteckt

Der STIKO-Chef wies dabei auf den allgemeinen Prozess hin, wie die STIKO-Empfehlungen zustande kommen. So werde zunächst definiert, welche wissenschaftlichen Erkenntnisse für die jeweilige Empfeh­lung vor­liegen sollten. Dann fänden eine umfangreiche, systematische Literaturrecherche und mathema­ti­sche Modellierungen durch die Mitarbeiter der Geschäftsstelle der STIKO statt.

„Das Ergebnis wird durch die STIKO bewertet und diskutiert“, erklärte Mertens. Daraus entstehe dann ein erster Textentwurf einer neuen Empfehlung, der unter Umständen mehrfach von der STIKO diskutiert und bearbeitet werde. Über den endgültigen Entwurf stimme die STIKO formal ab.

Wie Mertens weiter betonte, geht der Entwurf der neuen Empfehlung dann ein einem vorgeschriebenen Stellungnahmeverfahren an die Bundesländer, die wissenschaftliche Fachgesellschaften und das Bun­des­ministerium für Gesundheit (BMG).

„Spätestens eine Stunde nach Einleitung des Stellungnahmeverfahrens ist der Entwurf ohne Zutun der STIKO stets öffentlich und wird öffentlich diskutiert“, betonte Mertens. Die Kommentare aus dem Stell­ungnahmeverfahren würden durch die STIKO diskutiert und gegebenfalls würden Änderungen abge­stimmt.

Vorwürfe nach Veröffentlichung der Empfehlungen


Der Bundesvorsitzende des Deutschen Hausärzteverbands, Ulrich Weigeldt, hatte den RND-Zeitungen ge­sagt, die Impfempfehlungen müssten zwar dem aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisstand angepasst werden. „Das spricht aber nicht gegen eine klare Kommunikation und die frühzeitige Einbindung derer, die letztlich die Empfehlungen umsetzen“, kritisierte er.

Außerdem habe die Mitteilung der STIKO laut Weigeldt viele Fragen aufgeworfen, etwa was die Empfeh­lung für bereits zweimal mit Astrazeneca geimpfte Patienten bedeute und was bei der Kreuz­impfung mit zwei verschiedenen Vakzinen der maximale Abstand zwischen Erst- und Zweitimpfung sei. Den Mindest­ab­stand hatte die STIKO in ihrer jüngsten Empfehlung auf vier Wochen verkürzt.

„Mit dieser Mitteilung hat die STIKO große Unsicherheit in die niedersächsischen Arztpraxen getragen“, sagte auch der Vorstandsvorsitzende der KVN, Mark Barjenbruch. „Damit werden neue und unnö­tige Hürden für das praktische Impfmanagement in den Praxen aufgebaut.“ So hätten sich be­reits wenige Stunden nach der STIKO-Entscheidung viele Praxen über neue Schwierig­keiten beschwert.

Auch die KV Schleswig-Holstein (KVSH) sprach von „Chaos" in den Praxen. „Es ist ein unhaltbarerer Zu­stand, dass diese rasanten Kurswechsel auf dem Rücken der Praxen und ihres Personals ausgetragen wird, das hätte man voraussehen können“, sagt die Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Vereini­gung Schleswig-Holstein, Monika Schliffke.

Die Bundesländer hatten am vergangenen Freitag zugesagt, die am Vortag veröffentlichte neue STIKO-Empfehlung sofort umzusetzen. Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) nannte die Kreuzimpfung „besonders wirksam“. Außerdem kann wegen des kürzeren Abstands zwischen erster und zweiter Dosis früher ein Schutz gegen die sich ausbreitende Delta-Variante des Coronavirus erreicht werden, die be­sonders ansteckend ist.

Spahn und seine Länderkollegen hatten aber zugleich bemängelt, dass sie von der Kommunikationsstra­tegie der STIKO überrascht gewesen seien. „So eine Empfehlung kann natürlich leicht viele, die sich im­pfen lassen wollen, im ersten Moment verun­sichern“, räumte Spahn ein. Er und die Ge­sund­heits­mi­nis­ter der Länder seien von der Entscheidung über­rascht worden.

Beim Chef der Impfkommission, der bei den Ministerberatungen zugeschaltet gewesen sei, hätten die Politiker deshalb dafür geworben, „dass wir miteinander die Kommu­nikation zwischen Wissenschaft und Politik noch etwas besser machen“.

Die STIKO wehrte sich heute auch in der Debatte um Coronaimpfungen für Kinder gegen Einmischung von außen. „Die STIKO ist im Gesetz bewusst als unabhängige Kommission angelegt. Die laute Einmi­schung der Politik ist kontraproduktiv und nützt niemandem“, sagte der STIKO-Chef Thomas Mertens.

Zuvor hatte etwa SPD-Chefin Saskia Esken die Ständige Impfkommission aufgefordert, ihre Haltung zur Im­pfung von Jugendlichen zu überdenken. Auch Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) äußerte sich in diese Richtung. „Es gehört zur ständigen Aufgabe der STIKO, Empfehlungen zu überprüfen (nicht nur bei Corona), es bedarf dazu keiner Aufforderung von Politikern“, so Mertens.

Eine Aktualisierung der Impfempfehlung könne es erst geben, wenn aussagekräftige Daten zum Risiko durch die Impfung und zum Risiko durch Delta vorliegen. „Dies erfordert Zeit und Sorgfältigkeit für die Sammlung der Daten, Analyse und Bewertung und Konsensbildung.“ Mertens betonte: „Unnötiger Druck muss vermieden werden, um eine Überlastung zu vermeiden.“

Die STIKO hat bisher keine generelle Impfempfehlung für Kinder und Jugendliche ab zwölf Jahren ausge­sprochen. Sie empfiehlt Impfungen nur für 12- bis 17-Jährige mit bestimmten Vorerkrankungen wie Adi­positas, Diabetes und chronischen Lungenerkrankungen. Das Gremium begründete seine Empfehlung unter anderem damit, dass das Risiko einer schweren COVID-19-Erkrankung für diese Altersgruppe gering sei.

Auch ohne generelle STIKO-Empfehlung sind Kinder und Jugendliche ab zwölf Jahren in die deutsche Impfkam­pagne eingebunden, können also unabhängig von Vorerkrankungen geimpft werden. Laut Bun­desgesund­heitsminister Jens Spahn (CDU) handelt es sich um eine individuelle Entscheidung von Eltern mit ihren Kindern und den Ärzten. Für Kinder unter zwölf Jahren gibt es bislang keinen zugelasse­nen Impfstoff. © may/bee/dpa/aerzteblatt.de


Thomas Mertens, Vorsitzender der Ständigen Impfkommission. /picture alliance, Kay Nietfeld

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