Myokarditis und andere Komplikationen nach COVID-19 wesentlich häufiger als nach einer Impfung

Deutsches Ärzteblatt vom Donnerstag, 26. August 2021


Die forcierte Impfkampagne, die in Israel mit dem Impfstoff BNT162b2 von Biontech erfolgte, hat nicht zu einem bedeutsamen Anstieg von Impfkomplikationen geführt. Eine Analyse des größten Krankenversicherers des Landes bestätigt im New England Journal of Medicine (2021; DOI: 10.1056/NEJMoa2110475) zwar, dass die Impfung das Risiko auf eine Myokarditis erhöht und einige weitere Erkrankungen in den ersten 3 Wochen nach den Impfungen häufiger auftraten.

Die Risiken waren jedoch deutlich geringer als nach einer Erkrankung an COVID-19, die die Impfung in den meisten Fällen verhindert.

Der Impfstoff BNT162b2 hatte sich zwar in den klinischen Studien als verträglich und sicher erwiesen. Da an den Studien jedoch in der Regel gesunde Personen teilnehmen, können die Ergebnisse nicht ein­fach auf die Gesamtbevölkerung übertragen werden. Außerdem können in den Studien auch schwerwie­gende Komplikationen übersehen werden, wenn sie sehr selten sind.

Die Zulassungsbehörden suchen deshalb (vor allem zu Beginn einer Impfkampagne) gezielt nach poten­ziellen Impfkomplikationen. Die Möglichkeiten waren lange auf eine passive Surveillance beschränkt, bei der Ärzte und andere Personen aufgefordert sind, Verdachtsfälle an die Behörden zu melden.

Die Speicherung von Patientendaten in elektronischen Krankenakten oder anderen Registern ermöglicht heute auch eine aktive Surveillance, bei der nach auffälligen Häufungen von Erkrankungen im zeitlichen Zusammenhang mit einer Impfung gesucht wird.

Ein Team um Ran Balicer von Krankenversicherer Clalit in Tel Aviv hat jetzt die Daten von 884.828 Versi­cherten analysiert, die bis zum 24. Mai in Israel wenigstens 1 Dosis von BNT162b2 erhalten hatten. Die Geimpften wurden einer gleichen Zahl von nicht Geimpften gegenübergestellt, um herauszufinden, ob es jeweils in den ersten 3 Wochen nach den beiden Impfdosen zu einer Häufung von Erkrankungen ge­kommen ist, die dann als mögliche Impfkomplikation eingestuft werden.

Die Auswertung bestätigt eine Häufung von Myokarditiden, über die bereits in den letzten Monaten be­richtet worden war. Balicer ermittelt in der Studie 21 Fälle gegenüber 6 Fällen in der Kontrollgruppe der nicht geimpften Versicherten.

Dies ergibt eine Risk Ratio von 3,24, die mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 1,55 bis 12,44 signifi­kant war. Auf 100.000 Geimpfte kamen 2,7 zusätzliche Myokarditiden. Neben der Myokarditis wurden noch weitere mögliche Komplikationen gefunden, die anders als die Myokarditis teilweise bereits in den klinischen Studien aufgefallen waren.

Am häufigsten war eine Lymphadenopathie, also eine Schwellung der Lymphknoten. Hier gab es 78,4 zusätzliche Fälle auf 100.000 Geimpfte. Es folgten ein Herpes Zoster mit 15,8 und eine Appendizitis mit 5,0 zusätzlichen Fällen auf 100.000 Geimpfte.

Lymphadenopathie und Appendizitis lassen sich biologisch plausibel auf eine Reaktion des Immunsys­tems zurückführen. Der Anstieg der Herpes Zoster-Fälle könnte die Zunahme der Fazialisparesen erklä­ren, die in den klinischen Studien aufgefallen war. In der aktuellen Analyse war die Zahl der Fazialispare­sen nur tendenziell, das heißt statistisch nicht signifikant um 3,5 pro 100.000 Geimpfte angestiegen.

Interessanterweise gab es einige Erkrankungen, die nach der Impfung seltener beobachtet wurden als in der Kontrollgruppe. Dazu gehörten akute Nierenschäden (minus 4,6/100.000), Anämien (minus 18,7/100.000), Hirnblutungen (minus 2,9/100.000) oder Thrombosen (minus 2,2/100.000).

Balicer vermutet, dass es sich um Symptome einer nicht erkannten SARS-CoV-2-Infektion gehandelt haben könnte, vor denen die Impfung in den ersten Wochen noch nicht ausreichend geschützt hat.

In einer zweiten Analyse haben die Epidemiologen untersucht, welche Erkrankungen in den ersten 6 Wochen nach einer bestätigten Infektion mit SARS-CoV-2 häufiger auftraten.

Dazu gehörten eine Myokarditis (plus 11,0 Ereignisse/100.000 Patienten), akute Nierenschädigung (125,4/100.000), eine Lungenembolie (61,7/100.000), intrakranielle Blutungen (7,6/100.000), eine Perikarditis (10,9/100.000), ein Myokardinfarkt (25,1/100.000), tiefe Venenthrombosen (43,0/100.000) und Arrhythmien (166,1/100.000).

Eine Impfung dürfte deshalb auch bezüglich der Kardiomyopathie sicherer sein als eine Infektion mit SARS-CoV-2. Dieses Argument dürfte Impfgegner jedoch nicht überzeugen, da diese häufig davon über­zeugt sind, dass sie sich nicht anstecken werden oder die Existenz von COVID-19 insgesamt bezweifeln. © rme/aerzteblatt.de



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