Merkel und Spahn werben für hohe Impfquoten gegen SARS-CoV-2

Deutsches Ärzteblatt vom Montag, 5. Juli 2021

Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (beide CDU) haben angesichts der sich rasch ausbreitenden aggressiveren Delta-Variante des Coronavirus auf die Bedeu­tung der Impfungen hingewiesen. Man müsse bei der Impfquote Richtung 80 Prozent kommen, soll Merkel nach Informationen aus Teil­neh­merkreisen heute in den letzten regulären Beratungen der CDU-Spitze vor der Sommerpause in Berlin gesagt haben.

Vor allem ungeimpfte Kinder würden im Herbst noch verwundbar sein. Zugleich wies sie demnach darauf hin, dass die Hospitalisierung bei der Delta-Variante in anderen Ländern nicht so hoch sei.

Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) und des Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­iums (BMG) hatten bis gestern 56,5 Prozent der deutschen Bevölkerung mindestens eine Impfdosis erhalten, vollständig ge­impft waren demnach 38,9 Prozent. Hat sich der Impfschutz komplett aufgebaut, haben die Geimpften nach bisheri­gem Kenntnisstand auch bei Delta einen hohen Schutz vor einer Krankenhausbehandlung.

Spahn sagte nach den Teilnehmerangaben im Präsidium, es laufe gut beim Impfen, das Tempo nehme aber ab. In den Impfzentren seien die Termine nicht gleich weg, sondern durchaus eine Weile verfügbar. Er sprach sich dafür aus, Impfangebote etwa mit Aktivitäten der Menschen zu verbinden, beispielsweise einem Stadionbesuch. Geimpft sein müsse einen Unterschied machen zu nicht geimpft sein.

Auffrischungsimpfungen könnten aufgrund der Kapazitäten im Herbst angeboten werden. Bei den Mel­de­pflichten würden verstärkt neue Parameter in die Statistik aufgenommen, etwa nicht nur die Belegung der Intensivbetten, sondern auch der Kranken­haus­auf­enthalt.

Die Thematik der Coronaentwicklung in den Schulen werde nach den Sommerferien mit Wucht kommen, sagte Spahn. Hessens Ministerpräsident und CDU-Bundesvize Volker Bouffier wurde von den Teilnehmer­kreisen mit den Worten zitiert, die Schulen müssten um jeden Preis offen bleiben. Darüber dürfe es keine Spekulationen geben.

Der stellvertretende CDU-Vorsitzende und baden-württembergische Innenminister Thomas Strobl sagte demnach, ihn bedrücke die Coronasituation. Es gebe volle Stadien, der „Ballermann“ auf Mallorca sei offen, Flugzeuge seien bis zum letzten Platz gefüllt. Unter Infektionsgesichtspunkten sei dies gefährlich.

Ähnlich äußerte sich demnach auch Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble. Die Coronasituation zwischen Ferienende und der Bundestagswahl Ende September müsse kontrollierbar sein, mahnte er.

Die Oppositionsparteien Grüne, Linke und FDP drängen die Bundesregierung, das Land besser auf mögli­cherweise steigende Coronainfektionszahlen im Herbst vorzubereiten. Insbesondere die Schulen müssten vorbereitet werden, sagte Linken-Chefin Janine Wissler in einem Interview dem Spiegel. Im vergangenen Sommer sei dies komplett versäumt worden. Ähnliche Forderungen kamen von Grünen und FDP.

Auch beim Thema Impfen sehen die Oppositionsparteien Handlungsbedarf. „Mehr Tests nach den Ferien, Luftfilter, mehr Schulbusse für den Herbst“ forderte Wissler. Es müsse alles getan werden, um eine wei­tere Welle zu verhindern. Das Impfen müsse dringend beschleunigt werden, zudem müsse mit der Not­wendigkeit einer dritten Impfung im Herbst gerechnet werden. „Deshalb halten wir die geplante Schlie­ßung der Impfzentren für falsch und verfrüht“, sagte die Linken-Chefin.

Auch Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt befürchtet eine weitere Coronawelle im Herbst. Bei der besonders ansteckenden Delta-Variante des Coronavirus dürfe sich „das Planungsversagen der Bun­desregierung nicht erneut wiederholen“, sagte sie. Die Bundesregierung dürfe sich auf den aktuell niedri­gen Infektionszahlen nicht ausruhen, sondern müsse „diesmal endlich vorausschauende Politik machen“.

Göring-Eckardt forderte, „jetzt sofort“ Teststationen an den Grenzen einzurichten und alle Urlaubsrück­kehrer zu Tests zu verpflichten. „Wer aus Risikogebieten zurückkehrt, sollte zweimal getestet werden“, sagte sie dem Spiegel. Ebenso müsse die Impfkampagne gezielt Menschen adressieren, die bisher beim Impfen noch unschlüssig waren oder ihre Termine für die Zweitimpfung haben verstreichen lassen.

Der Parlamentarische Geschäftsführer der FDP-Fraktion, Marco Buschmann, dringt ebenfalls auf eine veränderte Impfkampagne. „Wir benötigen auch mehr mobile Impfteams in der Fläche, um Unentschlos­sene besser aufzuklären und zu erreichen. Das gilt insbesondere für soziale Brennpunkte“, sagte Busch­mann dem Spiegel.

Gesundheitspolitiker von Grünen und FDP kritisierten im Handelsblatt von vorgestern die schleppende Ausstattung der Schulen mit Luftfiltern. „Für mich ist es unverständlich, dass manche Länder absehbar und freiwillig auf ein weiteres Semester mit Fern- und Wechselunterricht zusteuern“, sagte der FDP-Politiker Andrew Ullmann. „Es ist ein Skandal, wenn die Länder den Sommer nicht nutzen, um die Klassenzimmer beziehungsweise Kitas aufzurüsten.“ Luftfilteranlagen könnten Schulschließungen vermeiden.

Der Grünen-Gesundheitsexperte Janosch Dahmen sagte: „Ich erkenne keinen ausreichenden Ansatz von Bund und Ländern, das Problem von Infektionsgefahren durch Aerosolbildung in Klassenräumen syste­matisch anzugehen.“ Es reiche nicht nur, Mittel für Luftfilter und Lüftungen bereitzustellen, „sondern es müssen nach 1,5 Jahren Pandemie endlich funktionierende Lüftungskonzepte vor Ort auch umgesetzt werden“.

Dass jedes Klassenzimmer deutschlandweit bis nach den Ferien ein individuell zugeschnittenes Belüf­tungssystem hat, hält die Virologin Melanie Brinkmann nach eigenen Worten allerdings für illuso­risch. Die Professorin vom Braunschweiger Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI) spricht sich für das Maskentragen und den vermehrten Einsatz sogenannter Lollitests oder Gurgeltests aus – anstelle der weniger präzisen Antigenschnelltests. „Das spart Kosten und kann per PCR ausgewertet werden“, erklärte sie dem Redaktionsnetzwerk Deutschl­and.

Das sei sehr effektiv, wenn es regelmäßig erfolge. Lollitests und Gurgeltests können auch gruppenweise abgenommen und auf einmal ausgewertet werden, nur bei positivem Ergebnis ist dann eine individuelle Nachtestung nötig. „Die Delta-Variante wird nach den Sommerferien sehr schnell durch die Schulen rauschen, wenn wir keine Vorsorge treffen“, warnte Brinkmann. © dpa/aerzteblatt.de


/picture alliance, Marcus Brandt

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