Mehr nosokomiale Infektionen während der Coronapandemie

Deutsches Ärzteblatt vom Mittwoch, 8. September 2021


Die Barmer hat einen Masterplan für mehr Hygiene im Krankenhaus angemahnt, um auf diese Weise die Zahl nosokomialer Infektionen zu reduzieren.

„Zunächst benötigen wir eine bessere Datengrundlage, die eine kontinuierliche und flächendeckende Surveillance möglich macht“, sagte der Vorstandsvorsitzende der Kasse, Christoph Straub, heute bei der Vorstellung des Barmer Krankenhausreports. Bisher würden die Daten nicht an die Kassen weitergeleitet. Deshalb könne man „das Infektionsgeschehen nur näherungsweise bestimmen“.

Straub forderte eine verpflichtend anzugebende Kodierung, die den genauen Erregertyp, die bestehende Resistenzlage und Angaben dazu enthält, ob die Infektion außerhalb oder im Krankenhaus stattgefunden hat.

Zudem solle der Masterplan Mindestanforderungen für Strukturen und Prozesse im Krankenhaus enthal­ten, die vom Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) und dem Robert-Koch-Institut (RKI) entwickelt wer­den. Der Öffentliche Gesundheitsdienst (ÖGD) solle die Einhaltung der Vorgaben überwachen. In ihren Qualitätsberichten sollten die Krankenhäuser veröffentlichen, wie sie die Vorgaben eingehalten haben.

Darüber hinaus solle die Krankenhaushygiene nach Vorstellungen der Krankenkasse stärker in der ärztli­chen und pflegerischen Ausbildung verankert werden. Hygienefachkräfte sollten die Einhaltung der gel­tenden Hygienestandards überwachen.

„In den Krankenhäusern werden zwar Hygienefachkräfte eingesetzt. Akzeptanz und Arbeit dieser Fach­kräfte müssen aber im Arbeitsalltag gestärkt werden, damit in Ausnahmesituationen wie einer Pandemie höhere Hygieneanforderungen nicht zu Stresssituationen führen“, sagte Straub.

Dem Krankenhausreport zufolge ist die Zahl nosokomialer Infektionen im vergangenen Jahr während der Coronapandemie gestiegen. Kam es in den Jahren 2017 bis 2019 durchschnittlich in rund 5,6 Prozent der Krankenhausfälle zu einer nosokomialen Infektion, stieg dieser Wert zu Beginn der Pandemie auf 6,8 Pro­zent.

In der Folge habe es bis Ende des Jahres 2020 deutschlandweit etwa 34.000 zusätzlich Infizierte und bis zu 1.300 weitere Todesfälle aufgrund einer nosokomialen Infektion gegeben. Dem Report zufolge erwer­ben jedes Jahr bis zu 600.000 Patienten in deutschen Krankenhäusern eine nosokomiale Infektion. Bis zu 15.000 Betroffene sterben daran.

Schwere Fälle und erhöhte Arbeitsbelastung

„Dass die Zahl der Krankenhausinfektionen während der Pandemie gestiegen ist, liegt zum einen daran, dass in dieser Zeit mehr schwer erkrankte, meist ältere Patienten in die Krankenhäuser kamen“, erklärte Boris Augurzky vom RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung, einer der Autoren des Reports. Die leichteren Fälle seien in dieser Zeit gar nicht ins Krankenhaus gekommen.

Zum anderen sei die höhere Zahl der nosokomialen Infektionen auch auf die erhöhte Arbeitsbelastung in den Krankenhäusern sowie auf Personalausfälle zurückzuführen. In diesem Zusammenhang betonte Straub, dass die dargestellten Zahlen keine Kritik am Pflegepersonal oder an den Ärztinnen und Ärzten seien. Diese hätten während der Pandemie Enormes geleistet.

In dem Report wurden die Zahlen auch an die veränderte Patientenstruktur während der Pandemie an­gepasst. Dabei wurde die Patientenstruktur aus dem Jahr 2020 mit der gleichen Patientenstruktur aus den Jahren 2017 bis 2019 verglichen. Demnach stieg die Zahl nosokomialer Infektionen in der ersten Pandemiewelle um etwa zehn Prozent und in der zweiten Welle um 17,5 Prozent an.

Nicht nur aus Sicht der Patienten müsse alles getan werden, um diese Infektionen zu verhindern, betonte Augurzky. Denn deren Behandlung sei mit jährlich rund 1,5 Milliarden Euro an Zusatzkosten extrem teuer für die Versichertengemeinschaft.


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