Medizinische Debatte um Genesenenstatus: Wie gut sind Omikron-Infizierte geschützt?

Deutsches Ärzteblatt vom Montag 7.2.2022


Mitte Januar verkürzte das Robert-Koch-Institut (RKI) den Genesenenstatus ausschließlich für Ungeimpfte von 6 Monate auf 90 Tage. Diese Entscheidung löst eine bis heute anhaltende Kontroverse unter Virologen, Epidemiologen und Statistikern aus.

Gegenüber dem Spiegel sprach der designierte FDP-Generalsekretär Bijan Djir-Sarai von einer „neuerli­chen Verfehlung“. Des Vertrauens der FDP könnten sich der RKI-Chefs Lothar Wieler daher nicht mehr sicher sein.

Der Pneumologe Thomas Voshaar erklärte bei Maischberger, dass es inzwischen genügend Studien geben würde, die zeigten, dass der Genesenenstatus mindestens so gut sei wie 2 Impfungen. Er forderte die Regierung und das RKI daher auf, seine Entscheidung „auf der Stelle zurückzunehmen“.

Um die Gemengelage zu verstehen, lohnt sich ein Blick in die Studien, die Befürworter aber auch Kritiker der 90-Tage-Regel zitieren. Dabei taucht auch immer wieder die Frage nach dem Sinn einer Durchseu­chung mit Omikron auf.

SIREN-Studie: Ungeimpft Genesene sind schlechter vor Reinfektionen geschützt

Als Quelle nennt das RKI unter anderem die SIREN-Studie, für die kontinuierlich Daten von mehreren Tausend Beschäftigten des nationalen Gesundheitsdienstes im Vereinigten Königreich auswertet werden.

Ein Ergebnis: 90 Tage nach einer Infektion mit Omikron haben sich von 255 Ungeimpften im Dezember 2021 35 symptomatisch oder asymptomatisch reinfiziert, was einer Vakzineffektivität von 44 % entspre­chen würde. Im Vergleich dazu lag die Vakzineffektivität der doppelt Geimpften (n=1.333) bei 60 % und die der 3-fach Geimpften (n= 5.386) bei 71 %. Eine ausführliche Studienzusammenfassung des Deutschen Ärzteblatts kann hier nachgelesen werden.

Für den Charité-Viro­logen Christian Drosten zeigt dieses Resultat „glasklar", warum das RKI den Genese­nenstatus für Omikron auf 90 Tage verkürzt hat: „Damit (44 % Vakzineffektivität) würde jeder Impfstoff durch die Zulassung fallen“, so sein Urteil im NDR-Podcast „Das Coronavirus-Update“ vom 1. Februar 2022.

Auch der Infektionsepidemiologe Timo Ulrichs von der Akkon-Hochschule für Humanwissenschaften in Berlin hält die Daten der SIREN-Studie zur Einschätzung der aktuellen Lage für geeignet: „Die SIREN-Studie hat inzwischen auch prospektive Daten über die 2. Jahreshälfte 2021 ausgewertet, als die Omikron-Variante bereits zirkulierte“, begründet er.

Das RKI räumt auf seiner Webseite ein: Die genannten Studien beziehen sich auf Personen, deren Gene­se­nenstatus überwiegend auf frühere Infektionen mit der Deltavariante zurückzuführen sind.

Das trifft auch auf Studien aus Israel zu, die zeigen konnten, dass bei gesunden Menschen nach einer natürlichen Infektion sowie nach vollständiger Impfung hohe Antikörpertiter im Blut gemessen werden können. Ihre Konzentration nahm in beiden Fällen nach wenigen Monaten wieder ab, wobei das Risiko einer Reinfektion bei Genesenen offenbar geringer ist als eine Durchbruchinfektion bei Geimpften (NEJM, 2021, medRxiv 2021, medRxiv, 2021). Diese Analysen fanden jedoch vor Omikron statt.

Ulrichs spricht sich dafür aus, Genesene mit einmal Geimpften gleichzusetzen. „Immunologisch wäre es vertretbar Geimpfte und Genesene gleichzusetzen.“ Er räumt aber ein, dass unsicher sei, wie intensiv das Immunsystem bei einer Infektion Gelegenheit hatte, den Erreger kennenzulernen. Das sei nach einer Impfung sehr viel eindeutiger.

„Das heißt 2 Impfungen plus eine Infektion entsprechen in etwa 3 Impfungen“, so Ulrichs Fazit. Auch Drosten plädiert dafür, die Boosterimpfung mit einer Infektion bei doppelt geimpften gleichzusetzen. Denn immer mehr Studien würden zeigen, dass die Wirkung hierbei gleich sei.

Was gegen eine Omikron-Durchseuchung ohne vorherige Impfung sprechen könnte

Drosten sagte auch, dass davon auszugehen sei, dass es besser wäre, sich zuerst zu infizieren und dann impfen zu lassen – fügt dieser Aussage jedoch ein entscheidendes „Aber“ hinzu:

Aus epidemiologischer Sicht, sei diese Reihenfolge nicht erstrebenswert, um die Menschen keinem Risi­ko auszusetzen. Die ideale Immunisierung sei eine dreifache Impfung gefolgt von einer erstmaligen und auch zweit- und drittmaligen Infektion, um eine Schleimhautimmunität zu entwickeln. „Wer das durchge­macht hat, ist irgendwann über Jahre belastbar immun und wird sich nicht wieder reinfizieren“, sagte im NDR-Podcast.

Auch Voshaar sprach sich in seinem TV-Statement für diese Reihenfolge aus: „Der Ausweg aus einer Pan­demie ist immer nur der Übergang in die Endemie durch wiederholte Infektionen auf Basis einer stabilen Grundimmunisierung, die Katastrophen verhindert.“

Karl Lauterbach sagte bereits vor ein paar Wochen, dass Omikron kein Ersatz für eine Impfung sei. Dieser Meinung ist auch Drosten. Die Rechnung einer „Omikron-Infektion als Impfung durch die Hintertür“, gehe für ihn nicht auf. Ein Grund: In England wird die Reinfektionsrate auf etwa 10 % geschätzt und das, ob­wohl hier bereits mehr Menschen als in Deutschland immunisiert sind – sei es durch Impfung oder Infek­tion.

„Wenn SARS-CoV-2-Infektionen nicht auf dem Boden einer ordentlichen Impfimmunität stattfinden, dann hat man auch bei der 2. Infektion noch mal ein relativ hohes Krankheitsrisiko, weil die Immunität noch nicht sehr belastbar ist nach der ersten Infektion“, so Drosten.

Ein weiterer Grund, die Infektion erst nach einer Impfimmunität zuzulassen sind neuste Studien, die zei­gen, dass die Impfung auch vor Long COVID schützen kann.

Erste Preprint-Studien: Schwächerer Schutz durch Omikron-Infektion?

Zudem geben 2 erste Preprint-Studien einen vagen Anlass zur Vermutung, dass eine alleinige Omikron-Infektion ohne vorherige Impfung oder ohne vorherige Infektion mit einem der vorherigen Serotypen weniger nützen könnte beim Aufbau eines Immunschutzes.

Der Facharzt für medizinische Mikrobiologie und Infektionsepidemiologie Ulrichs ordnet die bisherigen Erkenntnisse zum Infektionsschutz nach Omikron-Infektion aber als „noch sehr dünn" ein. Dem sagte er auf Nachfrage: „Es deutet sich aber an, dass die früheren Varianten zu einem intensiveren Training geführt haben als bei der Omikron-Durchseuchung."

Carsten Watzl, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie, kommentierte eine öster­reichische Preprint Studie mit Plasmaproben von gut 50 Teilnehmenden auf Twitter: „Nach Omikron In­fek­tion haben Ungeimpfte deutlich weniger neutralisierende Antikörper gegen Omikron als Geimpf­te/Genesene und kaum Schutz gegen andere Varianten.“ Daher könne Omikron die Immunitätslücke nicht schließen.

Der US-amerikanischer Kardiologe und Autor Eric Topol vom Scripps Research Institute in La Jolla kom­mentierte die gleiche Studie mit einem Tweet: „Der zusätzliche Nutzen einer Impfung mit Omikron-Infek­tion für neutralisierende Antikörper im Vergleich zu einer alleinigen Infektion: viel geringerer erwarteter Schutz bei allen Varianten, einschließlich Omikron selbst."

Auch der Philospoh Michael Oberst stellt sich auf Twitter die Frage, wozu die Omikron-Durchseuchung gut sein könnte und verweist auf einen weiteren Preprint aus den USA, der Neutrali­sationsassays von 81 Teilnehmenden untersucht hat, mit der An­merkung: „Wenn sich diese Forschungsergebnisse bestätigen sollten, dann wäre der Antikörperschutz nach einer Omikron-In­fek­tion schlecht gegen die Omikron-Familie und noch schlechter gegen andere Varianten." (Anmerkung der Redaktion: Der Begriff „Omikron-Familie“ ist nicht korrekt. Omikron ist eine Virusvariante innerhalb einer Virusspezies.)

Der Internist Jan Hartmann schreibt dazu auf Twitter: „In seiner Konsequenz viel zu wenig beachtetete US-Studie. Immunität nach Omikron-Durchbruchsinfektion nur gering wegen geringerem Schwergrad der Infektion. Herstellung von Bevölkerungsimmunität durch breite Infektion der Bevölkerung mit Omikron somit unsinnig.“ Diesen Tweet teilte jetzt Gesundheitsminister Karl Lauterbach, um die 90-Tage-Genesenenregelung des RKIs weiter zu stützen

Zudem schrieb er: „Studien legen nahe, dass man sich relativ kurz nach der Infektion wieder anstecken kann. Ein langer Schutz wie bei Delta ist weniger wahrscheinlich."

Den Virologen Björn Meyer von der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg überzeugt diese US-Preprint-Studie noch nicht. Er warnte Lauterbach, momentan lieber keine Schlüsse aus diesem Preprint zu ziehen: Es gebe da methodische Probleme bezüglich der Selektion der Sera, der Gruppierung und auch bei der statistischen Analyse. In den nächsten Wochen seien aber voraussichtlich größere und aussage­kräftigere Studien aus dem Vereinten Königreich zu erwarten. Beide Preprint-Studien hat das hier zusammengefasst.

Weniger Antikörper nach mildem COVID-19-Krankheitsverlauf

Für einen schwächeren Genesenenstatus durch Omikron-Infektionen spricht auch eine Erkenntnis aus dem Jahr 2020, die inzwischen mehrfach bestätigt wurde, unter anderem im Journal of Allergy and Clinical Immunology: „Bei Personen mit einem milden COVID-19-Krankheitsverlauf wurden weniger SARS-CoV-2-spezifische Antikörper im Blut nachwiesen als bei Infizierten mit einem schweren Verlauf“, erläuterten Onur Boyman und Carlo Cervia vom Universitätsspital Zürich.

Diese Erkenntnis weise daraufhin, dass der Schweregrad einer COVID-19-Erkrankung die Stärke und Qual­ität SARS-CoV-2-spezifischer Immunantworten beeinflusse.

„In der Regel geht eine starke Immunantwort auch mit einem längeren Immungedächtnis – und somit Schutz gegen Neuinfektion mit demselben Virus – einher“, ergänzt der Direktor der Klinik für Immuno­logie Boyman. Dennoch sei es schwierig eine generelle Aussage über den Schutz bei Genesenen zu fällen. „Denn die Vielfalt der COVID-19-Krankheitsverläufe bei den Betroffenen führt wahrscheinlich zu unterschiedlich gutem Schutz“, sind sich Boymann und sein wissenschaftlicher Mitarbeiter Cervia einig.

Für Christine Falk von der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) ist die Debatte um die 90-Tage-Regel schlussendlich weniger eine Frage der Studienergebnisse: „Die Gültigkeitsdauer der Zertifikate ist abhängig vom Ziel: Verhinderung der Infektion, dann kürzer, oder Verhinderung der schweren Verläufe, dann länger“, so die Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Immunologie, die Mitglied des Corona­expertenrats der Bundesregierung ist.


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