Long COVID: Viele Überlebende aus Wuhan leiden noch nach einem Jahr unter den Folgen der Erkrankung

Deutsches Ärzteblatt vom Freitag, 27. August 2021


Die meisten COVID-19-Patienten, die im Frühjahr letzten Jahres lebend aus der Jin Yin-tan Klinik entlassen wurden, haben sich innerhalb eines Jahres weitgehend von den Folgen der Erkrankung erholt. Jeder 2. wies nach 12 Monaten jedoch noch mindestens 1 Residualsymptom auf, wie eine Kohortenstudie im Lancet (2021; DOI: 10.1016/S0140-6736(21)01755-4) zeigt.

Die Jin Yin-tan Klinik in Wuhan, die auf die Behandlung von Notfällen spezialisiert ist, hatte im letzten Jahr das Gros der schweren COVID-19-Fälle versorgt. Insgesamt 2.469 Patienten konnten bis Ende Mai entlassen werden. Ein Team um Bin Cao vom japanisch-chinesischen Freundschaftskrankenhaus in Peking konnte 1.733 Überlebende nach 6 Monaten und 1.276 Überlebende nach 12 Monaten untersuchen. Die meisten Patienten haben sich langsam von den Folgen der Erkrankung erholt. Der Anteil, der Patienten, die über wenigstens ein Symptom klagten, war von 68 % nach 6 Monaten auf 49 % nach 12 Monaten gesunken. Dieser Rückgang bestand unabhängig vom Schweregrad ihrer akuten Erkrankung und davon, ob die Patienten auf Intensivstation behandelt wurden und dort beatmet werden mussten.

Das häufigste Residualsymptom waren eine Abgeschlagenheit (Fatigue) oder Muskelschwäche, über die nach 6 Monaten noch 52 % und nach 1 Jahr noch 20 % klagten. Seltener geworden waren auch Schlaf­störungen (von 27 % auf 17 %), Haarausfall (von 22 % auf 11 %), Geruchsstörungen (von 11 % auf 4 %) und Geschmacksstörungen (von 8 % auf 3 %). Leicht zugenommen (von 23 % auf 26 %) hatte der Anteil der Patienten, die über Ängste oder Depressionen klagten.

Auch der Anteil der Patienten mit einer Kurzatmigkeit ist von 26 % auf 30 % angestiegen. Mit einem Anteil von 39 % nach 1 Jahr waren hier vor allem Patienten betroffen, die in der Klinik intensiv mit Sauerstoff behandelt oder beatmet werden mussten. In dieser Gruppe wurde in den Lungenfunktions­tests nach 1 Jahr zu 54 % eine verminderte Diffusionskapazität gemessen gegenüber nur 31 % bei Patienten mit geringem Sauerstoffbedarf und 23 % der Patienten, die keine Sauerstoffbehandlung erhalten hatten. Eine deutliche Verschlechterung gegenüber den Untersuchungen nach 6 Monaten war nicht erkennbar.

Dass sich die Lungen bei vielen Patienten mit schweren Erkrankungen nach 1 Jahr noch nicht restlos erholt hatten, zeigte sich auch in den CT-Kontrollen: 87 % hatten wenigstens eine Veränderung, bei 76 % waren dies Milchglastrübungen („ground-glass opacification“). Von den Patienten, die in der Klinik ohne zusätzlichen Sauerstoff ausgekommen waren, hatten nur noch 39 % Veränderungen im CT. Die Schäden in den Lungen dürften dafür verantwortlich sein, dass 12 % der Patienten nach 6 Monaten und 14 % nach 1 Jahr im 6 Minuten-Gehtest unter dem Limit lagen.

Trotz der Long-COVID-Symptome und des mit im Durchschnitt von 59 Jahren höheren Alters sind 88 % der Erwerbstätigen an ihren ursprünglichen Arbeitsplatz zurückgekehrt, und die meisten (76 %) sind dort in ihrem früheren Bereich beschäftigt. Von denjenigen, die ihre Arbeit nicht wieder aufgenommen haben, gaben 32 % eine verminderte körperliche Leistungsfähigkeit als Grund an, die anderen wollten nicht mehr arbeiten oder waren arbeitslos. Frauen berichteten 1,4-mal häufiger über Fatigue oder Muskelschwäche, sie litten doppelt so häufig unter Angstzuständen oder Depressionen, und in der Lungenfunktionsprüfung wurde nach 12 Monaten fast 3 Mal so häufig eine Diffusionsstörung gefunden.

Der Einsatz von Kortikosteroiden war mit einem um 51 % erhöhten Risiko auf Fatigue oder Muskel­schwäche verbunden. Der Einsatz von intravenösen Immunglobulinen senkte den Anteil um 35 % (wobei die Studie nicht belegen kann, dass die Medikamente selbst oder der Zustand der Patienten dafür verantwortlich war).

Im Vergleich zu anderen Personen gleichen Alters, Geschlechts und Komorbidität gaben die früheren COVID-19-Patienten nach 12 Monaten in einem Fragebogen zur Lebensqualität häufiger Schmerzen oder andere Beschwerden an (29 % versus 5 %). Sie berichteten auch häufiger über eine eingeschränkte Mobilität (9 % versus 4 %). Alle im Fragebogen erfassten Symptome traten bei Personen mit COVID-19 häufiger auf als bei den gesunden Kontrollen.

Die Studie zeigt, dass die Genesung von COVID-19 bei vielen Patienten auch nach 1 Jahr nicht abgeschlossen ist. Studien zur ersten SARS-Epidemie haben laut Cao ergeben, dass bis zu 4 Jahre vergehen können. © rme/aerzteblatt.de






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