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Lauterbach verteidigt Coronaregeln für den Herbst

Deutsches Ärzteblatt vom Montag, 12.9.2022


Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach hat die für den Herbst und Winter beschlossenen Corona­regeln verteidigt. „Im Moment werden die Regeln angegriffen, weil sie zu streng sind. Das sind aber genau die Regeln, die wir benötigen, um das rechtzeitig in den Griff zu bekommen“, sagte der SPD-Politiker dem RTL Nachtjournal.

Er glaube, dass andere europäische Länder bei steigenden Fallzahlen auch strengere Regeln beschließen würden. Lauterbach betonte, dass es lediglich um „Möglichkeiten“ und keinen „Automatismus“ gehe. Er nannte hier die Maskenpflicht in Innenräumen.

Der Bundestag hatte in der vergangenen Woche Neuregelungen im Infektionsschutzgesetz beschlossen. Rechts­grundlagen für die noch verbliebenen Coronamaßnahmen wären sonst ausgelaufen. Bundesweit vorgeschrie­ben sind nun ab dem 1. Oktober Maskenpflichten in Fernzügen, Kliniken und Arztpraxen. Die Länder können in Eigenregie auch in Restaurants und anderen Innenräumen wieder Maskenvorgaben ergreifen.

Erneute Coronalockdowns sieht Lauterbach aber nicht auf Deutschland zukommen. „Lockdowns sind nicht mehr vertretbar. Es sei denn, wir kämen zurück in die pandemische Lage. Die Gefahr sehe ich aber nicht“, sagte er der Rheinischen Post.

Nur im Erstfall von den Maßnahmen Gebrauch machen

Zu dem vom Bundestag verabschiedeten Infektionsschutzgesetz sagte Lauterbach: „Mehr an Maßnahmen hätte auch ich nicht gewollt. Denn mehr hätten wir bei der Bevölkerung auch nicht durchsetzen können.“ Auch Schlie­ßungen von Schulen oder des Gastgewerbes brauche es nicht mehr und habe er für diesen Herbst „auch nie­mals gefordert“.

Wie die Bild am Sonntag berichtete, wollen die Flächenländer Niedersachsen, Bayern und Nordrhein-Westfalen von den neuen Möglichkeiten im Infektionsschutzgesetz nur im Ernstfall Gebrauch machen. Das Land Nieder­sachsen teilte demnach auf Anfrage mit: „Sollte das Virus keine neue, deutlich gefährlichere als die derzeit vor­herrschende Omikron-Variante BA.5 hervorbringen, sehen wir dem Herbst und Winter vorsichtig optimistisch entgegen.“

Aus Nordrhein-Westfalen hieß es: „Das jetzige Infektionsgeschehen würde eine Maskenpflicht in Innenräumen nicht rechtfertigen.“ Auch Bayern will dem Bericht zufolge nur dann verschärfen, wenn das Gesundheitssystem oder die kritischen Infrastrukturen bedroht sind.

Zum erwartbaren Corona-Geschehen im Herbst und Winter gaben Experten unterschiedliche Prognosen ab. Der Virologe Christian Drosten rechnet mit einer „starken Inzidenzwelle“ von Coronainfektionen „noch vor Dezem­ber“, der Bioinformatiker Lars Kaderali erwartet hingegen einen nicht allzu heftigen Anstieg.

Drosten, Direktor der Virologie am Berliner Universitätsklinikum Charité, sagte der Süddeutschen Zeitung, neue Virusvarianten sorgten immer noch für viele neue Krankheitsfälle. Selbst bei leichten Krankheitsverläufen wer­de dies wahrscheinlich zu erheblichen Arbeitsausfällen führen. „Infizierte kommen vielleicht nicht ins Kranken­haus, aber sehr viele sind eine Woche krank. Wenn es zu viele auf einmal sind, wird es zum Problem“, so Drosten.

Konsens erarbeiten

Wichtig werde sein, dass die Politik die Situation genau beobachte, sagte Drosten. „Bevor so viele krank werden, dass man nichts mehr einkaufen kann, dass die Krankenhäuser nicht mehr funktionieren oder kein Polizeibe­amter auf der Wache sitzt, muss man Maßnahmen ergreifen.“ Er forderte die Politik auf, schon jetzt auf einen Konsens hinzuarbeiten, „bei welchen Signalen man wie handeln will“.

Hingegen meint der Greifswalder Bioinformatiker Kaderali, der dem Coronaexpertenrat der Bundesregierung angehört, in den zurückliegenden Monaten seien viele Menschen durch Kontakt mit dem Virus immunisiert worden.

Die Infektionszahlen seien gesunken, ohne dass besondere Maßnahmen ergriffen worden sein. „Das bedeutet eben, das Virus ist wirklich durchgelaufen“, sagte er. Wegen der breiteren Immu­ni­tät zusätzlich zu Impfungen rechnet Kaderali nach eigenen Worten damit, dass die Winterwelle nicht zu heftig wird – solange keine völlig neue Variante auftaucht.


/picture alliance, EPA, CLEMENS BILAN

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