Lauterbach und Wieler warnen vor voreiligen Coronalockerungen

Deutsches Ärzteblatt vom Dienstgag 8.2.2022


Bei ihrer regelmäßigen Einschätzung der Coronalage warnten heute Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) und der Präsident des Robert-Koch-Instituts (RKI), Lothar Wieler, gemeinsam mit Rolf Apweiler, Direktor des European Bioinformatics Institute in Cambrigde, vor zu schnellen Lockerun­gen der Coronamaßnahmen.

„Wir haben die Lage noch nicht wirklich unter der Kontrolle“, sagte Lauterbach mit Verweis auf steigende Fallzahlen sowie auf viele ungeimpfte ältere Menschen und eine in Europa vergleichsweise sehr alte Bevölkerung in Deutschland.

Die derzeitige Diskussion um Lockerungen noch vor dem Höhepunkt der Welle sei für ihn verwunderlich und fehl am Platz. Bei einer zu schnellen Öffnung würde sich die Welle deutlich verlängern, prophezeite er. Eine funktionierende, erfolgreiche Strategie ohne Not zu gefährden, könne nicht das Ziel sein, so Lauterbach.

Entsprechend seiner vorherigen Einschätzung rechnet der Minister weiterhin mit einem Höhepunkt der Omikron-Welle Mitte Februar. Die Omikron-Variante BA.2 könne das möglicherweise leicht verzögern, dennoch bleibe es grundsätzlich bei der bisherigen Coronaprognose. Mittelfristig werde es dann Locke­rungen geben können. „Wir werden natürlich deutlich vor Ostern öffnen können“, meinte er.

Der Chef des Robert-Koch-Instituts, Lothar Wieler, zeigte sich heute vor der Presse optimistisch, dass die Omikron-Welle bald überstanden wäre. „Wir sind bislang vergleichsweise gut durch diesen Sturm gesteu­ert“, sagte er. Die Zahl der Krankenhauseinweisungen sei trotz eines leichten Anstiegs „noch vergleichs­weise gering". Dennoch müssten die Auflagen zunächst noch beachtet werden, dann könne man sich ent­spannt auf Ostern freuen.

Allein in den vorangegangenen sieben Tagen seien jedoch rund 1,2 Millionen Infektionen an sein Institut gemeldet worden – dies sei fast Zehntel des Gesamtinfektionszahl seit Beginn der Pandemie vor zwei Jahren. Bisher infizierten sich jedoch vor allem Jüngere, bei den Älteren stiegen die Inzidenzen erst all­mählich, berichtete Wieler.

„Tatsächlich stehen wir vor einem Wendepunkt. Diese Phase der Pandemie ist ganz anders als vor zwei Jahren“, sagte der RKI-Chef. Man kenne das Virus besser, große Teile der Bevölkerung hätten eine Grund­im­­munität, und man kenne die wirksamen Maßnahmen. Man müsse aber weiter beobachten, wie sich die Situation auf den Intensivstationen und die Zahl der COVID-19-Todesfälle entwickle. „Bleiben wir ruhig und achtsam“, so Wieler.

Angebracht sei Achtsamkeit auch bezüglich der Entstehung weiterer Coronamutationen. Im Moment habe das Virus die besten Bedingungen sich weiterzuentwickeln, sagte Lauterbach. Man könne aber nicht davon ausgehen, dass die neuen Mutationen harmloser seien. Diese bauten nicht aufeinander auf, son­dern entstünden immer wieder von der Ursprungsvariante.

Dies bestätigte auch Bioinformatiker Apweiler und betonte die Notwendigkeit einer hohen Impfquote auf globaler Ebene. Je mehr Menschen nicht geimpft seien, desto mehr Infektionen gebe es und desto schnel­ler würden auch neue Varianten entstehen.

Man müsse damit rechnen, dass noch weitere Varianten entstehen, welche die Immunität von Omikron umgehen könnten und dieselbe Aggressivität wie Delta zeigten. „Wir müssen global denken, um die Entstehung neuer Varianten zurückzudrängen. Keiner ist auf diesem Planeten sicher, wenn nicht alle sicher sind“, so Apweiler.


/picture alliance, Wolfgang Kumm

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