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Lauterbach: Länder sollten Maskenpflicht einführen

Deutsches Ärzteblatt vom Donnerstag, 13.10.2022


Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach hat die Länder aufgerufen, im Kampf gegen eine wach­sende Coronainfektionswelle perspektivisch zur Maskenpflicht in Innenräumen zurückzukehren. Was jetzt noch passieren müsse, sei, dass die Länder diese Möglichkeit im Infektionsschutzgesetz nutzten, sagte der SPD-Politiker heute im ARD-Morgenmagazin. „Wenn die Länder sich jetzt einigen könnten, wann der optimale Zeitpunkt ist, wäre das natürlich toll.“

Der Bund könne die Länder nicht zwingen. Lauterbach gab aber zu bedenken: „Die Welle, die sich aufbaut, die wird ja nicht alleine enden. Da muss man reagieren.“ Es gebe schon jetzt eine hohe Fallzahl mit einer hohen Dunkelziffer, einige Kliniken seien an der Belastungsgrenze. „Und leider steigt auch die Sterblichkeit.“ Ins­ge­samt sei man aber gut vorbereitet. Es gebe angepasste Impfstoffe, „viel bessere Daten“ und Arzneimittel, die die Sterblichkeit senkten.

Das Robert-Koch-Institut (RKI) gab die bundesweite Sieben-Tage-Inzidenz am Morgen mit 793,8 Coronaneu­infektionen pro 100.000 Einwohner an. Experten gehen aber von einer hohen Zahl nicht erfasster Fälle aus – vor allem weil viele Infizierten keinen PCR-Test mehr machen lassen und daher nicht erfasst werden.

Lauterbach reagierte auch auf die Kritik des Münchner Oberbürgermeisters Dieter Reiter (SPD), keine Rechts­grundlage für eine Absage des Oktoberfestes gehabt zu haben. In der Tat habe es die nicht gegeben, räumte er ein. Es sei aber „dem Hausrecht folgend“ jederzeit möglich gewesen, dass der Veranstalter die Gäste ge­beten oder verpflichtet hätte, für die Innenräume Coronatests zu machen.

Mit dem neuen Infektionsschutzgesetz sei bei hohen Fallzahlen sogar eine Maskenpflicht für Außenveranstal­tungen möglich. Reiter hatte hingegen auch gesagt: „Herr Lauterbach hat auf meine explizite Nachfrage im April, ob es Zugangsbeschränkungen geben könnte, geantwortet, dass es dazu keine rechtlichen Möglichkei­ten gibt und auch für Herbst keine zu erwarten sind.“ Damit sei es nicht möglich gewesen, wie von Reiter nach eigenen Worten präferiert, nur frisch Getestete auf das Festgelände zu lassen.

Die Vorsitzende des Marburger Bunds, Susanne Johna, drängte die Bundesländer heute ebenfalls zum Han­deln bei steigenden Coronazahlen. „Überall dort, wo die Inzidenzen jetzt durch die Decke gehen, müssen die Länder mit einer FFP2-Maskenpflicht im ÖPNV und in öffentlich zugänglichen Innenräumen reagieren“, sagte Johna den Zeitungen der Funke-Mediengruppe.

Die Länder müssten „auf der Basis eines verlässlichen Echtzeitmonitorings entscheiden, wie das Infektions­geschehen besser eingedämmt werden kann, um die Krankenhäuser nicht zu überlasten“.

Auch der Bremer Epidemiologe Hajo Zeeb hält demnächst stärkere Schutzmaßnahmen für notwendig. „Die Empfehlung oder die Pflicht zum Tragen von Masken werden wir in wenigen Wochen wieder brauchen“, sagte er dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). „Abstandsregeln bei großen Veranstaltungen, in Theatern und Kinos, benötigen wir bald wieder zurück.“ Das persönliche Verhalten müsse im Winter wieder stärker auf Corona ausgerichtet werden. „Wir brauchen wieder eine höhere Impfbereitschaft und eine größere Vorsicht.“

Es sei zwar gut, dass Corona in der Öffentlichkeit nicht mehr die Dramatik wie noch vor ein oder zwei Jahren einnehme, da heute viele Menschen geimpft seien. „Aber es ist falsch, dass Corona jetzt fast gänzlich aus dem Fokus der Öffentlichkeit verschwunden ist – das muss sich schnell ändern“, so Zeeb.

Der Bonner Virologe Hendrik Streeck warnte allerdings, „zu glauben, dass eine Maskenpflicht jetzt ein Allheil­mittel ist, dass wir dadurch wieder eine bessere Bekämpfung der Infektionszahlen haben“. Das sei wahr­scheinlich nicht der Fall, sagte er gestern in der Sendung RTL Direkt.

Angesichts wieder steigender Coronazahlen wird bereits in den ersten Bundesländern über verschärfte Maß­nahmen nachgedacht. So waren Überlegungen bekanntgeworden, in Berlin demnächst die Maskenpflicht in öffentlichen Gebäuden wieder einzuführen. Im Saarland mit der zuletzt bundesweit höchsten Sieben-Tage-Inzidenz setzte die Regierung dagegen zunächst auf einen Appell.

Mit Blick auf die Situation in den Krankenhäusern sagte die MB-Vorsitzende Johna: „Das Personal geht jetzt schon wieder auf dem Zahnfleisch, ich mag mir nicht ausmalen, wie die Situation ist, wenn der Belegungs­druck auch durch viele COVID-19-Fälle weiter zunimmt oder sich gar eine zusätzliche Influenzawelle auf­baut.“

Die Belegung mit positiv auf Corona getesteten Patienten sei auf den Normalstationen gegenüber der Vor­woche um die Hälfte gestiegen, auch auf den Intensivstationen sehe man wieder mehr COVID-19-Patienten.

Das alles belaste das Personal, die Isolationsnotwendigkeiten bänden Zeit und Bettenkapazitäten zusätzlich. „Schon jetzt sind viele Notaufnahmen überlastet, die Rettungsleitstellen haben in manchen Bundesländern Schwierigkeiten für Patienten in Rettungswagen freie Kapazitäten zu finden“, schilderte Johna.

Streeck sagte, es gebe jeden Herbst und Winter immer eine extreme Belastung in den Krankenhäusern. „Das ist einfach die Husten-, Schnupfenwelle, das sind die Erkältungskrankheiten, die da wieder kommen.“ Man müsse natürlich genau auf die Krankenhäuser hören und schauen, was machbar sei.

Zuletzt hatte sich bereits die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) bei stark steigenden Coronazahlen für strengere Schutzmaßnahmen – wie etwa die Maskenpflicht in Innenräumen – ausgesprochen. Auch Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) hatte die Bundesländer gestern aufgerufen, die Möglichkeiten für Corona-Maßnahmen im geänderten Infektionsschutzgesetz zu nutzen, „insbesondere die Maskenpflicht in den Innenräumen“.

Der Bundesvorsitzende des Deutschen Hausärzteverbands, Markus Beier, forderte eine „angepasste Impfkampagne“ für die zweite Corona-Auffrischungsimpfung. „Die kalte Jahreszeit hat begonnen, der angepasste Impfstoff ist in ausreichender Menge vorhanden: Spätestens jetzt sollte die Impfquote in die Höhe schießen – tut sie aber leider nicht“, sagte Beier dem RND.

Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt eine zweite Auffrischungsimpfung Menschen ab 60 Jahren und Gruppen mit Risikofaktoren. Nach Daten des Robert Koch-Instituts (RKI) haben sich bislang gut 28 Prozent der Über-60-Jährigen einen zweiten Booster spritzen lassen.



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