Lauterbach dringt auf allgemeine Impfpflicht

Deutsches Ärzteblatt vom Mittwoch, 9.2.2022


Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) dringt auf die baldige Einführung einer all­gemeinen Impfpflicht. „In Deutschland reicht es nicht, den Ungeimpften nur auf die Nerven zu gehen, da muss man mehr tun“, sagte Lauterbach vor einem Treffen der europäischen Außen- und Gesundheits­mi­nister. „Ich bin ein ganz klarer Befürworter einer allgemeinen Impfpflicht“, betonte der Minister. Die ent­sprech­en­den Gesetzesanträge unterstütze er.

Eine allgemeine Coronaimpfpflicht ab 18 könnte – sofern es im Bundestag eine Mehrheit dafür gibt – nach den Vorstellungen einiger Abgeordneter ab dem 1. Oktober in Deutschland gelten. „Wir streben an, das Gesetz in der zweiten Märzhälfte im Bundestag zu beschließen. Nach einer mehrmonatigen Frist für Beratung und nachgeholte Impfungen soll die Impfpflicht dann am 1. Oktober greifen“, sagte die FDP-Politikerin Marie-Agnes Strack-Zimmermann den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Strack-Zimmer­mann gehört zu einer Gruppe von Abgeordneten aus SPD, Grünen und FDP, die sich für eine Impfpflicht ab 18 Jahren starkmachen.

Lauterbach bekräftigte heute erneut seine Kritik an der von Bayern angekündigten Aussetzung der Impf­pflicht in der Pflege. „Das gibt das vollkommen falsche Signal, dass die Proteste der Impfgegner und Quer­denker be­deut­samer sind als der Schutz der älteren Menschen“, sagte Lauterbach. Der Rückzieher von Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) habe ihn „bestürzt“.

Der Verzicht auf schnelle Lockerungen in Deutschland habe mit der großen Gruppe der Ungeimpften zu tun, erklärte der Minister. „Bestimmte Dinge, die anderswo möglich sind, sind bei uns noch nicht möglich, weil wir zu Recht Rücksicht nehmen müssen auf ältere Ungeimpfte“, sagte Lauterbach mit Blick auf an­dere europäische Länder, in denen nur noch wenige Coronaeinschränkungen gelten.

Die EU-Minister wollen bei ihrem zweitägigen Treffen in Lyon und Grenoble über eine verbesserte Zu­sammenarbeit in der Pandemiebekämpfung beraten und Lehren aus den ersten Coronawellen ziehen.

„Ich persönlich glaube, dass wir die Einschränkungen für Kinder schwerer vertreten können als andere Einschränkungen, die wir ergriffen haben“, sagte Lauterbach. „Die Kinder haben eine sehr schwere Zeit gehabt, es ist viel Unterricht ausgefallen, deutlich mehr als zum Beispiel in Frankreich“. Und dennoch seien in Deutschland viele Kinder erkrankt. „Dies ist etwas, wo wir eine Manöverkritik zulassen müssen“, räumte der Minister ein.

Mit Blick auf die Sterblichkeit hingegen sei Deutschland bisher vergleichsweise gut durch die Pandemie gekommen. „Ich glaube, dass es in allen europäischen Ländern Stärken und Schwächen gegeben hat und dass wir gut beraten sind, voneinander zu lernen“, sagte Lauterbach. Er wolle mit seinen Kollegen insbe­sondere über die Zusammenarbeit bei der Entdeckung neuer Virusvarianten und bei der Impfstofffor­schung und -produktion sprechen.

„Frankreich hat eine sehr aktive Überwachung von Virusvarianten, von der wir auch profitiert haben“, sagte der Gesundheitsminister. Auch in Katastrophenfällen sollten sich europäische Länder gegenseitig unterstützen und Kapazitäten auf Intensivstationen anbieten.

„Es gibt einen naiven Glauben, dass Varianten immer harmloser werden, das stimmt aber nicht“, gab Lauterbach zu bedenken. Die nächste Variante könne auch wieder gefährlicher sein. „Darauf muss man vorbereitet sein.“


/picture alliance, ASSOCIATED PRESS, Michelle Tantussi

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