Länder bei Auffrischimpfung und Testkonzepten in der Verantwortung

Länder bei Auffrischimpfung und Testkonzepten in der Verantwortung


Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hat erneut für eine Auffrischungsimpfung gegen das Coronavirus SARS-CoV-2 geworben. Empfohlen sei das für Menschen über 60 Jahren, sagte Spahn heute im rbb-Inforadio. Seiner Meinung nach sollten die Bundesländer diese Menschen auch nochmal schriftlich einladen. Dafür wolle er nächste Woche bei der Gesundheitsministerkonferenz in Lindau wer­ben.

Empfohlen werde eine Auffrischimpfung aber auch für Menschen, die pflegebedürftig seien oder die bestimmte Vorerkrankungen hätten, die im Gesundheitswesen arbeiteten oder mit Astrazeneca oder Johnson & Johnson geimpft worden seien. Für alle anderen sei es aber auch möglich, so Spahn. „Wir haben Impf­stoff mehr als genug“, sagte der Minister, der nach der Bundestagswahl noch geschäfts­führend im Amt ist. Er hatte sich gestern selbst erneut impfen lassen.

Auf die Nachfrage, dass es mittlerweile wieder Alarmrufe aus Krankenhäusern gebe und ob er die Sorge teile, sagte Spahn: Dass die Zahlen steigen, sei erwartet worden für Herbst und Winter. „Wichtig ist jetzt, dass wir die Belastung in den Intensivstationen in den Krankenhäusern nicht zu stark steigen lassen. Dass wir wieder vorsichtiger, achtsamer miteinander sind.“

Dazu gehöre das Boostern, also das Auffrischen von Impfungen. „Dazu gehören Schutzkonzepte für die besonders Verwundbaren, das sind die Pflegeeinrichtungen“, sagte Spahn. Er werbe bei den Bundeslän­dern sehr dafür, dass alle wieder Testkonzepte für Pflegeeinrichtungen verpflichtend machten – übri­gens dann auch für Geimpfte, denn sie arbeiteten mit besonders Verwundbaren.

„Wir brauchen wieder stärker bestimmte Schutzkonzepte, um schwere, tödliche oder behandlungsbe­dürftige Verläufe zu vermeiden.“ Spahn warnte davor, dass erneut besonders Gefährdete Opfer des Virus werden.

Der Pflegebevollmächtigte der Bundesregierung, Andreas Westerfellhaus (CDU), riet zu einer Fortfüh­rung von Coronatests für Personal und Besucher in Pflegeeinrichtungen „auch über die Jahreswende hinaus“. Es dürfe nicht noch einmal zu Besuchsverboten und anderen gravierenden Einschränkungen kommen, wie man sie in den ersten Wellen der Pandemie habe erleben müssen.

Deshalb sei es wichtig, möglichst bundesweit einheitliche Regelungen zu haben, „die eine klare Richt­schnur geben“. Angesichts der steigenden Fallzahlen und vermehrter Impfdurchbrüche gelte es, jetzt dafür zu sorgen, „dass die besonders vulnerablen Menschen in den Pflegeeinrichtungen und das medizi­nische Personal zügig ihre Auffrischimpfungen erhalten“.


Mehr Auffrischimpfungen mit großer Kampagne nötig

Der Impfstoffforscher Leif Sander mahnte eine Ausweitung von Auffrischimpfungen an. „Allen impfberei­ten Menschen eine dritte Impfung ein halbes Jahr nach der Zweitimpfung anzubieten, hätte auch einen dämpfenden Effekt auf die Virusverbreitung in der Bevölkerung“, sagte der Charité-Wissenschaftler.

„Wir bräuchten jetzt sechs bis acht Wochen lang eine große Kampagne wie zu Beginn des Jahres, mit Impfzentren und mobilen Impfteams.“ Dadurch könnten womöglich zusätzlich auch einige Ungeimpfte doch noch erreicht werden. Der Appell zur Auffrischung müsse von Ärzten und der Politik kommen und solle sich insbesondere an Menschen ab 60 Jahren richten.

„Ich sehe den Herbst und Winter mit großer Sorge“, sagte Sander. „Wir sind in einer kritischen Phase der Pandemie.“ Die Impfkampagne stagniere viel zu früh, wichtige Teile der Bevölkerung seien noch nicht ge­impft, darunter auch viele ältere Menschen mit höherem Risiko für schwere und tödliche Verläufe. Hinzu kämen eine nachlassende Immunität bei älteren Geimpften, die viel ansteckendere Delta-Variante und ein stark überbeanspruchtes Gesundheitssystem.

Nach bisherigem Wissensstand könne die Gabe von insgesamt drei Impfstoffdosen den besten Schutz vor SARS-CoV-2 aufbauen, erläuterte Sander. Ein solches Schema sei auch von anderen Impfungen be­kannt.

Trotz der Argumente für eine Auffrischung: „Wir sprechen immer noch über fantastische Impfstoffe“, sagte Sander. Schweren und tödlichen Verläufen könne damit sehr gut vorgebeugt werden. Dass es zu Anste­ckun­gen bei Geimpften komme, sei nicht überraschend.

„Das Problem ist, dass wir zu viele Ungeimpfte in der Bevölkerung haben. Dadurch kann es für das Ge­sundheitssystem kritisch werden, wenn der Schutz von Geimpften nachlässt und diese wieder mehr zum Infektionsgeschehen beitragen.“

Tempo zu gering

Auch die SPD fordert mehr Tempo bei den Auffrischungsimpfungen gegen das Coronavirus. Es sei offen­kundig, „dass wir zu langsam sind“, sagte die SPD-Gesundheitsexpertin Sabine Dittmar. Ende April 2021 seien knapp sechs Millionen Bürger zweimal geimpft gewesen. Das bedeute, dass diese nun ein halbes Jahr später eine Auffrischungsimpfung bekommen sollten.

„Statt dieser sechs Millionen zählen wir aber erst 1,9 Millionen Menschen mit Booster-Impfung“, kritisier­te Dittmar. Das reiche nicht, um gut über den Winter zu kommen. Bund und Länder sowie die niederge­lassenen Ärzte – müssten „jetzt nochmal alles daran setzen, Patienten und Bürger aufzuklären und dafür sorgen, dass die Auffrischungen umgehend erfolgen, da der Impfschutz mit der Zeit nachlässt“.

Auch die Zahl der Neuinfektionen sei sehr hoch, fügte Dittmar hinzu. „Wir appellieren daher auch noch einmal grundsätzlich an die Unentschlossenen, sich impfen zu lassen.“ Wer sich jetzt nicht schnell impfen lasse, laufe Gefahr zu erkranken. „Corona und Long COVID gilt es zu verhindern.“

Spahn (CDU) hatte sich gestern eine Auffrischungsimpfung geben lassen und dafür geworben, dass viele andere dies auch tun. Die Gesundheitsminister von Bund und Ländern hatten beschlossen, dass sie Men­schen ab 60 Jahre nach ärztlicher Beratung angeboten werden können.

Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt Auffrischungen vorerst ab 70, zudem unter anderem für Pflegekräfte und medizinisches Personal mit Patientenkontakt sowie für Menschen mit geschwächtem Immunsystem. Die Impfverordnung sieht die Möglichkeit für Auffrischungsimpfungen grundsätzlich für alle vor, für die es zugelassene Impfstoffe gibt.

Zahlen steigen

Die Zahlen untermauern unterdessen die steigenden Sorgen, denn die bundesweite Sieben-Tage-Inzi­denz steigt weiter. Das Robert-Koch-Institut (RKI) gab die Zahl der Neuinfektionen pro 100.000 Einwoh­ner und Woche heute Morgen mit 139,2 an. Zum Vergleich: Am Vortag hatte der Wert bei 130,2 gelegen, vor einer Woche bei 95,1.

Die Gesundheitsämter in Deutschland meldeten dem RKI binnen eines Tages 24.668 Neuinfektionen. Das geht aus Zahlen hervor, die den Stand des RKI-Dashboards von 8.52 Uhr wiedergeben. Vor einer Woche hatte der Wert bei 19.572 Ansteckungen gelegen.

Deutschlandweit wurden den neuen Angaben zufolge binnen 24 Stunden 121 Todesfälle verzeichnet. Vor einer Woche waren es 116 Todesfälle gewesen. Das RKI zählte seit Beginn der Pandemie 4.559.120 nach­gewiesene Infektionen mit SARS-CoV-2. Die tatsächliche Gesamtzahl dürfte deutlich höher liegen, da viele Infektionen nicht erkannt werden.

Die Zahl der in Kliniken aufgenommenen Coronapatienten je 100.000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen – den für eine mögliche Verschärfung der Beschränkungen wichtigsten Parameter – gab das RKI heute mit 3,50 an (vorgestern: 3,31).

Bei dem Indikator muss berücksichtigt werden, dass Krankenhausaufnahmen teils mit Verzug gemeldet werden. Ein bundesweiter Schwellenwert, ab wann die Lage kritisch zu sehen ist, ist für die Hospitalisie­rungsinzidenz unter anderem wegen großer regionaler Unterschiede nicht vorgesehen. Der bisherige Höchstwert lag um die Weihnachtszeit bei rund 15,5.

Die Zahl der Genesenen gab das RKI mit 4.257.800 an. Die Zahl der Menschen, die an oder unter Beteili­gung einer nachgewiesenen Infektion mit SARS-CoV-2 gestorben sind, stieg auf 95.606.

Unter dem Eindruck von Coronainfektionszahlen in Rekordhöhe haben besonders betroffene Gegenden in Südbayern die Notbremse gezogen und die Maßnahmen im Kampf gegen die Pandeme verschärft. In den Landkreisen Mühldorf am Inn, Altötting, Traunstein, Berchtesgadener Land und Miesbach sowie in Stadt und Landkreis Rosenheim gelten ab 1. November schärfere Bestimmungen zur Maskenpflicht und zur Teilnahme an öffentlichen Veranstaltungen.

Die Zahlen haben Einfluss auf die Sorgen der Menschen in Deutschland. So sieht eine wachsende Zahl der Deutschen laut ZDF-„Politbarometer“ seine Gesundheit wegen eines deutlichen Anstiegs der Infektio­nen gefährdet. Waren es Anfang Oktober 31 Prozent, so sind es inzwischen 47 Prozent. 51 Prozent sehen keine Gefahr.

Eine klare Mehrheit von 59 Prozent der Befragten hält die geltenden Maßnahmen für „gerade richtig“. Das ist ein Minus von fünf Prozentpunkten im Vergleich zu Anfang Oktober. 18 Prozent (minus drei Pro­zentpunkte) halten sie für übertrieben und 20 Prozent (plus sieben) plädieren für härtere Maßnahmen.

Für den Fall weiter stark steigender Coronainfektionen plädieren 32 Prozent wieder für stärkere Ein­schränkungen des öffentlichen Lebens für alle Menschen, 43 Prozent wollen diese dann nur für Nichtgeimpfte und 22 Prozent sind auch in diesem Fall generell gegen stärkere Einschränkungen.

Für eine Impfpflicht für das Personal im Gesundheitswesen und in der Pflege sprechen sich inzwischen 72 Prozent der Befragten aus, im Juli waren es 60 Prozent. 26 Prozent sind dagegen. Eine Impfpflicht für die Beschäftigten in Schulen und Kitas unterstützen 64 Prozent (Juli: 55 Prozent), 34 Prozent sind dagegen.



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