Kreuzimpfung gegen SARS-CoV-2 erzielt bei SARS-Überlebenden Immunität gegen alle Sarbecoviren

Deutsches Ärzteblatt vom Dienstag, 19. August 2021

Bereits die 1. Dosis des mRNA-Impfstoffs BNT162b2 hat bei Überlebenden der 1. SARS-Epidemie aus dem Jahr 2002/3 eine Immunität erzielt, die nicht nur vor SARS-CoV-2 und seinen Varian­ten schützten könnte. Laut dem Bericht im New England Journal of Medicine (2021; DOI: 10.1056/NEJMoa2108453) wurden in Laborstudien alle Sarbecoviren neutralisiert, darunter auch einige Kandidaten für neue Pandemieviren.

COVID-19 ist nach SARS und MERS bereits die 3. durch Coronaviren ausgelöste Epidemie innerhalb von 10 Jahren, und Experten befürchten, dass es nicht die letzte gewesen ist. Bei Fledermäusen und anderen Tieren wurden verschiedene verwandte Viren nachgewiesen, die das Potenzial für ein SARS-CoV-3 oder SARS-CoV-4 hätten. Die Lösung wäre ein Impfstoff, der vor allen bekannten und möglichst auch zukünf­tigen Viren schützt.

Die Chancen stehen im Prinzip nicht schlecht, da die Übereinstimmungen im Genom der Coronaviren groß sind. So hat das aktuelle Pandemievirus SARS-CoV-2 zu etwa 80 % die gleiche Gensequenz wie SARS-CoV-1, das 2002/3 eine kurze, aber heftige Epidemie ausgelöst hat mit 8.096 Infizierten und 774 Todesfällen. SARS-CoV-1 und SARS-CoV-2 werden in der Untergattung der Sarbecoviren zusammen­gefasst. Sie gehören zur Gattung der Betacoronaviren, in die auch das MERS-CoV eingeordnet wird (als einziger Vertreter der Untergattung Merbecovirus).

Ein Impfstoff, der Antikörper gegen gemeinsame Abschnitte auf den S-Proteinen der beiden Viren er­zeugt, sollte vor beiden Viren und vielleicht auch noch vor weiteren Vertretern der Sarbecoviren schützen.

Ein Team um Lin-Fa Wang von der Duke-NUS Medical School in Singapur war deshalb enttäuscht, dass die Seren von 12 Personen, die 2002/3 das schwere akute respiratorische Syndrom SARS überlebt hatten, in einem Labortest nicht in der Lage waren, das neue Pandemievirus SARS-CoV-2 von der Infektion und Zerstörung von Verozellen abzuhalten.

Wie die Forscher im letzten Jahr in Emerging Microbes & Infections (2020; DOI: 10.1080/22221751.2020.1761267) berichteten, erzeugte die Infektion mit SARS-CoV-1 offenbar keine Kreuzimmunität mit SARS-CoV-2.

Inzwischen hat das Team 8 SARS-Überlebende mit dem Biontech/Pfizer-Impfstoff BNT162b2 geimpft. In 2 Vergleichsgruppen wurden 10 gesunde Personen und 10 COVID-19-Überlebende ebenfalls mit BNT162b2 geimpft. Dieses Mal waren die Ergebnisse besser.

Wie in der 1. Studie hatten die SARS-Überlebenden vor der Impfung keine Antikörper gegen SARS-CoV-2 im Blut. Doch schon nach der 1. Dosis von BNT162b2 war bei 2 SARS-Überlebenden ein Komplettschutz vor SARS-CoV-2 nachweisbar. Die anderen 6 SARS-Überlebenden waren erst nach der 2. Dosis getestet worden. Auch ihr Serum erzielte in einem Labortest eine 100 prozentige neutralisierende Wirkung gegen SARS-CoV-2.

Die Schutzwirkung umfasste nicht nur alle getesteten Varianten (Alpha, Beta und Delta) von SARS-CoV-2. In einem Surrogatvirusneutralisationstest wurde auch das Coronavirus RaTG131, das Fledermäuse infi­ziert, und die bei Schuppentieren (Pangolinen) isolierten Coronaviren GD-112 und GX-P5L12 abgewehrt.

Ebenso SARS-CoV-1 und die beiden verwandten Viren WIV1 und RsSHC01413, die bei Fledermäusen nach­gewiesen wurden. Die 3 letztgenannten mit SARS-CoV-1 verwandten Viren wurden von dem Serum von SARS-CoV-2-Patienten auch nach der Impfung nicht neutralisiert.

Die Ergebnisse könnten bedeuten, dass eine Kreuzimpfung gegen SARS-CoV-1 und SARS-CoV-2 den Impfschutz auf die gesamte Untergruppe der Sarbecoviren ausdehnt. Beweisen lässt sich dies derzeit nicht, da es keinen zugelassenen Impfstoff gegen SARS-CoV-1 gibt. Ein solcher Impfstoff könnte, wenn er etwa als 3. Dosis nach einer regulären Impfung gegeben würde, Menschen auch vor potenziellen Pandemieviren schützen, glaubt Wang.

Der Forscher führt derzeit eine Machbarkeitsstudie mit einem Impfstoff 3GCoVax durch, der Anteile von SARS-CoV-1 und SARS-CoV-2 hat. Außerdem wollen die Forscher Antikörperpräparate gegen beide Viren entwickeln. Diese könnten im Fall eines neuen Virus sofort eingesetzt werden und die Epidemie mög­licher­weise im Keim ersticken. © rme/aerzteblatt.de


/Harald, stock.adobe.com

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